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Zehn-Pfund-Note : Geld und Vorurteil

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Es gibt kein größeres Vergnügen als zu lesen: Dieser Satz ist nicht ganz ironiefrei zu rezipieren. Bild: Reuters

Lange gab es sie gar nicht, jetzt gibt es sie doppelt: Jane Austen ziert bald einen neuen Zehn-Pfund-Schein und eine Zwei-Pfund-Münze.

          Es gibt gute Gründe, die neuen britischen Fünfpfundnoten genau zu prüfen, bevor man sie ausgibt. Bestimmte Seriennummern sind bei Sammlern derart begehrt, dass der Schein wie ein Lotterielos geworden ist, das ein Mehrfaches des Einsatzes einbringen kann. Außerdem hat der Mikrograveur Graham Short sich den Spaß gemacht, vier einzelne Scheine in Umlauf zu bringen – jeweils einen in den vier Nationen des Königreichs –, in die er ein mit dem bloßen Auge kaum erkennbares Porträt von Jane Austen gestochen hat. Jeder Kopf ist mit einem anderen Zitat aus dem Werk der Schriftstellerin umrahmt.

          Zu Shorts früheren peniblen Miniaturen zählen das auf einen goldenen Nadelkopf gravierte Vaterunser und ein für hunderttausend Pfund verkaufter Kopf der Königin auf einem Goldkorn in einem zwei Millimeter breiten Nadelöhr. Der Wert seiner Jane-Austen-Scheine, von denen bislang erst zwei aufgetaucht sind, wird auf 50.000 Pfund geschätzt. Short wählte Austen für sein jüngstes Bravourstück wegen der Verbindung zwischen dem 200. Todestag der Autorin am 18. Juli 2017 und der kommenden neuen Zehnpfundnote, die nach einem heftigen Streit über die Dominanz von Männern auf Geldscheinen nun das Konterfei der Schriftstellerin tragen wird.

          Wie ein Bus, auf den man ewig wartet

          Die Bank von England hat zudem bekanntgegeben, dass die mehr oder weniger gleichzeitig in Umlauf kommende neue Zweipfundmünze ebenfalls Austen porträtiert – als gäbe das britische Kulturerbe nicht mehr her. Es ist wie mit dem Bus, auf den man einem englischen Sprichwort zufolge ewig wartet, und dann kommen zwei auf einmal. Noch nie hat der Kopf einer Person, die nicht britischer Monarch war, gleichzeitig zwei verschiedene hiesige Zahlungsmittel geziert. Der Zehnpfundschein mit Florence Nightingale war schon mehrere Jahre aus dem Verkehr gezogen, als eine Zweipfundmünze zu Ehren der Krankenschwester geprägt wurde.

          Dass gerade Jane Austens Kopf doppelt eingesetzt wird, ist nicht ohne Ironie, denn es gibt von der Autorin, deren erster Roman anonym veröffentlicht wurde, nur ein gesichertes Porträt: die dilettantische Zeichnung ihrer Schwester, die jetzt als Vorlage für den Geldschein dient. Die Münze hingegen bedient sich eines Scherenschnitts, der nur vielleicht Jane Austen darstellt. Zu Austens ausgeprägtem Sinn für Ironie passt auch das Zitat aus ihrem Roman „Stolz und Vorurteil“, das die Notenbank für den Geldschein ausgesucht hat: Die Feststellung, dass es kein größeres Vergnügen gebe, als zu lesen, ist in diesem Kontext sicherlich als pädagogische Ermutigung gemeint.

          Sie ist jedoch ein Beispiel für Jane Austens spöttischen Humor. Sie legt diese Worte der oberflächlichen Caroline Bingley in den Mund, die bloß zu lesen vorgibt, um Mr Darcy zu imponieren. Mit wunderbar spitzer Feder schildert die Autorin, wie Miss Bingley ihre Passion für Bücher mit einem großen Gähnen erklärt, nachdem sie eine stille Lesestunde durch unkonzentriertes Geplapper gestört hat. Passagen wie diese machen klar, weshalb Samuel Beckett meinte, dass die „göttliche Jane“ ihm viel beizubringen habe.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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