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Zehn Jahre Vice-Magazin : Reporter, keine Sozialarbeiter

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Vice-Deutschlandchef Benjamin Ruth in der Berliner Rungestraße. Bild: Matthias Lüdecke

Seltsame Storys aus dem Rotlicht, riskante Dokumentationen aus dem Krieg: Der amerikanische Medienkonzern „Vice“ wächst und wächst. In Deutschland feiert die Redaktion jetzt zehnjähriges Jubiläum. Was erklärt den Erfolg?

          Die Geschichte von „Vice“, dem amerikanischen Punk-Magazin, das zum Medienimperium wurde, hat schon etwas Phänomenales an sich. Es ist die Geschichte eines Außenseiters, der es ins Zentrum des globalen medialen Geschehens geschafft hat. Auf die Klagen und Beschwörungen vom Ende des Journalismus herkömmlicher Art antwortete „Vice“, indem es den Beruf des Reporters einfach noch einmal ganz neu erfunden hat.

          In Deutschland ist „Vice“ seit zehn Jahren vertreten, seit einigen Wochen produziert es die Fernsehreihe „Die Vice Reports“ für RTL2. Die Dokumentationen, teils aus dem Englischen übersetzt, teils in Deutschland gedreht, sind typisch für „Vice“: harte, manchmal skandalöse und nicht selten seltsame Themen, die andere Redaktionen nur mit Vorsicht anfassen würden, wenn überhaupt.

          Die „Vice“-Reporter erzählen von der Prostitution im Saarland, von den Vergewaltigungen in Indien, vom Leben in Camden, der gefährlichsten Stadt der Vereinigten Staaten – und all das, natürlich, im „Vice“-Stil: draufgängerisch, manchmal, sogar witzig, immer aber persönlich, geprägt von den jungen Reportern, die sich in ihre Geschichten buchstäblich kopfüber hineinstürzen.

          Exzentrisch, wenn nicht unseriös

          „Vice Deutschland“ feiert in diesem Jahr also sein zehntes Jubiläum. Als der Ableger 2005 gegründet wurde, saßen in der Berliner Redaktion fünf Mitarbeiter. Inzwischen ist sie die deutsche Redaktion von „Vice“: mit 140 Beschäftigten die drittgrößte des Konzerns, nach den Vereinigten Staaten und Großbritannien. In den letzten Jahren produzierten sie Reportagen für das ZDF, ProSieben und Spiegel TV – und nun eben für RTL2 eine wöchentliche Sendung.

          Aus fünf Mitarbeitern wurden 140: Vice Deutschland, drittgrößte Redaktion des Konzerns.

          Dass ein etablierter Fernsehsender mit einem jungen Alternativmedium zusammenarbeitet, das bis vor kurzem als exzentrisch, wenn nicht unseriös galt, ist bemerkenswert. Und es zeigt, dass traditionelle Medien sich für neue Möglichkeiten öffnen wollen – oder müssen.

          In gewisser Hinsicht spiegelt der Werdegang von „Vice Deutschland“ im Kleinen die Geschichte des Unternehmens im Großen wider: 1994 gründeten drei arbeitslose Freunde in Kanada ein subventioniertes, kostenloses Szenemagazin namens „Voice of Montreal“. Zwei Jahre später trennten sich die Freunde von ihrem Verleger, änderten den Namen zu „Vice“ (zu Deutsch: Laster) und zogen nach New York. Ab da ging es steil bergauf.

          Schmutzige Themen, eigener Ton

          Was aber ist „Vice“ nun eigentlich? Es ist, gedruckt und im Netz, ein Sammelsurium schnoddriger, schmieriger Geschichten („Geiz macht geil – ein Besuch in Deutschlands erstem Volksbordell“), grotesker Meldungen („Frau hat ihren eigenen Mord mit Ketchup inszeniert, um Ex-Freund loszuwerden“) und scheinbar pseudojournalistischen Quatschs („Mit leuchtenden Tampons gegen die Wasserverschmutzung“).

          Das Unternehmen selbst sagt über sich: „Vice Media ist ein internationales Medienunternehmen für junge Leute und führend in seinem Segment als Online-Video-Content-Produktion und -Distribution.“

          Beide Beschreibungen widersprechen sich nicht. „Vice“ steht immer noch für eigenen Ton und schmutzige Themen. Aber „Vice“ meint es gleichzeitig auch ernst – und berichtet seit Jahren über soziale Ungleichheit, Menschenrechte, Klimawandel, über internationale Cyberspionage oder Frauenmorde in Mexiko; eine Video-Reportage über die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ wurde preisgekrönt.

          Die laienhafte Spontaneität des Internets

          Weltweit hat „Vice“ elfhundert Festangestellte und viertausend freie Autoren, die für Redaktionen in 36 Ländern arbeiten. Das monatliche Magazin, immer noch kostenlos, erscheint in unterschiedlichen Sprachen mit einer Auflage von 1,2 Millionen (in Deutschland: 100.000).

          „Egal wie reich wir sind, wir bleiben Teil der Subkultur“: Chefhund Walter macht Pause im Hof.

          Mit einem Wert von 2,5 Milliarden Dollar kontrolliert „Vice Media“ heute einen Verlag, eine Werbeagentur, ein Musiklabel und eine Filmproduktionsfirma, die Nachrichten für den amerikanischen Bezahlfernsehsender HBO produziert. Auf Youtube betreibt es auch Kanäle für Technologie, Essen oder Sport. Das Unternehmen erreicht monatlich ein Publikum von etwa 130 Millionen.

          Die Leute von „Vice“ verstehen sich auf die Ästhetik und laienhafte Spontaneität des Internets – sie sind ja im Netz groß geworden. „Wir kommen aus der Subkultur, und egal wie reich wir sind, bleiben wir Teil der Subkultur“, so etwas erfährt, wer sich in der Berliner Redaktion umhört. Das mag auch stimmen, doch in einer Zeit, in der zwischen Subkultur und Mainstream kaum noch zu trennen ist, kann diese Haltung auch eine effektive Selbstvermarktung sein.

          „Vice“ ist nicht mehr aufzuhalten

          Der Deutschland-Chef von „Vice“, Benjamin Ruth, begründet den Erfolg jedenfalls mit journalistischen Inhalten. „Die sind einzigartig“, sagt Ruth. „Und wir haben ein sehr gutes Gespür für Geschichten, die außerhalb der gängigen Berichterstattung interessant sind – aber auch relevant.“ Das alles habe dazu beigetragen, dass „Vice“ etwas in seinem Publikum auslöst, das andere Medien nicht mehr zu schaffen scheinen: Identifikation.

          „Vice“ ist auch in Deutschland nicht mehr aufzuhalten, scheint es. Und „Vice“ hat ein paar Dinge bewiesen, die Aufmerksamkeit verdienen. Erstens, dass junge Menschen keine weltfremden Egomanen sind, sondern sich für Technik oder Mode interessieren – und zugleich für Weltpolitik. Zweitens, dass das Internet für den Journalismus keinesfalls die Apokalypse bedeutet. Und drittens, dass Reporter keine Sozialarbeiter sein müssen, um starke Geschichten erzählen zu können.

          „Wir arbeiten unter denselben Richtlinien wie jedes journalistische Medium“, sagt Benjamin Ruth, der Deutschland-Chef. „Basierend auf Fakten und Recherchen erzählen wir Geschichten, die relevant für unser Publikum sind.

          Die Art und Weise, wie wir sie vermitteln, unterscheidet sich stark von anderen Medien. Das ist aber eine stilistische, keine journalistische Frage.“ Die „Vice“-Reportagen sind frisch, stark, ungewöhnlich. Vielleicht muss man sich nicht nur an sie gewöhnen, sondern versuchen, auch etwas aus ihrem Erfolg zu lernen.

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