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Zeche Zollverein : Geschichtsabriß im Ruhrgebiet

Geschichtsverlust unabwendbar: Zeche Zollverein Bild: dpa

Statt das einzigartige Zeugnis der Industrialisierung denkmalgerecht zu sichern, wird die Essener Zeche Zollverein für Nutzungen, die sie überlasten, her- und auch gleich hingerichtet.

          An diesem Donnerstag abend beginnt auf der Zeche Zollverein in Essen eine Tagung, die sich unter dem Titel "Wahrnehmung und Erkenntnis" mit den Aufgaben und Zielen von Museen im allgemeinen und der Rolle des hier projektierten Ruhrmuseums im besonderen beschäftigt. Die Einladung ziert ein Bild der Kohlenwäsche, das die - noch gar nicht vorhandene - gläserne Gangway, die das Gebäude erschließen soll, nicht aber die originalen Bandbrücken zeigt, über die Kohle und Abfall transportiert wurden.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Daß diese ausgeblendet werden, mag andeuten, wie hier mit Geschichte umgegangen wird: Was nicht (ins Bild) paßt, wird ignoriert. So legt man sich die Wirklichkeit zurecht, wie man sie gerne hätte, und bereitet den Abschied von einem Industriedenkmal vor, für das man so, wie es ist, keine Verwendung mehr hat. Um darin Geschichte präparieren und vermitteln zu können, nimmt man Eingriffe in die Substanz vor, mit denen seine Geschichte weitgehend verschwindet.

          Die Rücksichtslosigkeit ist fehl am Platz

          Dieses Paradox ist hier so weit auf die Spitze getrieben, daß es groteske Formen annimmt. Ein gigantisches Bauwerk, dessen Maschinen sich zu einem riesigen Räderwerk verbinden, wird großzügig entkernt und für mehr als vierzig Millionen Euro in ein Besucherzentrum und ein Museum umgebaut. Seine von ruhigen, einfachen Formen gegliederte Fassade wird mit einer Gangway - "der längsten Rolltreppe Europas" - durchbrochen, die das charakteristische Zusammenspiel von Architektur und Technik suspendiert. Die dünne Außenhaut wird, um den bauphysikalischen Anforderungen zu genügen, mit sechzig Zentimeter dicken Wänden ertüchtigt. Statt das einzigartige Zeugnis der Industrialisierung denkmalgerecht zu sichern und über eine angemessene Erhaltung nachzudenken, wird es für Nutzungen, die es überlasten, her- und auch gleich hingerichtet.

          Die Rücksichtslosigkeit, die dabei waltet, ist fehl am Platz. Denn daß es anders geht, liegt nahe. In seinem Umbau des benachbarten Kesselhauses zum Design-Zentrum NRW hat Norman Foster die Erfordernisse des Denkmalschutzes und die Bedürfnisse des Museums 1997 zu einem tragfähigen Kompromiß geführt: Ein Kessel wurde integriert, und die Außenmauern der übrigen vier bilden die Kulisse der Heizerbühne, so daß die Verbindung von Maschine und Gebäude nachvollziehbar und die axiale Struktur der Architektur erhalten bleibt.

          Hybris statt Respekt

          Eben das hätte den kooperierenden Büros von Rem Koolhaas (Rotterdam) und Heinrich Böll (Essen) als Vorbild dienen können. Doch statt mit Respekt begegnen sie der visionären Formensprache von Fritz Schupp und Martin Kremmer mit Hybris: Die Gangway, die den Besucher auf die vierundzwanzig Meter über dem Vorplatz gelegene Foyerebene hebt, gerät zum Anschlag auf die historische Baugestalt. Indem sie die Setzmaschinenbühne, wo einst durch gläserne Dachträger Sonnenlicht eindrang, mit einem Veranstaltungsraum überbauen, schrecken die Sanierer nicht einmal vor der Seele der Kohlenwäsche zurück: "Niemand wird dann mehr erleben und sich vorstellen können, wie hier die Kohle - zum ersten Mal nach drei Millionen Jahren - ihrer Energiespenderin begegnet", kritisiert der Historiker Hans Kania, der auf der Bauhütte Zollverein gearbeitet hat, in einer Dokumentation für die Unesco.

          Bereits kurz vor ihrer Stillegung 1986 war die Zeche Zollverein unter Denkmalschutz gestellt worden. Doch für die Kohlenwäsche wurden seine Gesetze und Verfahren mit Sonderregelungen und Spezialgutachten, Machenschaften und Mauscheleien unterlaufen, die der nordrhein-westfälische Kulturminister Michael Vesper gleich doppelt zu verantworten hat: als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Entwicklungsgesellschaft Zollverein (EGZ) und als Vorgesetzter der Genehmigungsbehörden. Unter dem Druck, daß die von der EU mit dreißig Millionen Euro angeschobenen Fördermittel von insgesamt 110 Millionen Euro bis 2006 ausgegeben sein müssen, ließ er zwei Geschäftsführer gewähren, die sich gegen die vielen, in Kompetenzgerangel verkeilten Akteure nicht durchsetzen konnten. Als sie nicht mehr zu halten waren, löste Vesper sie durch einen Projektentwickler ab, rief eine "neue Phase der Entwicklung" aus und überließ den Vorsitz im Aufsichtsrat einem Staatssekretär.

          Nach Geschichts- droht der Gesichtsverlust

          Die Zeche Zollverein, die 1932 als größte, modernste und leistungsstärkste Schachtanlage der Welt den Betrieb aufnahm, ist die Ikone der "großen" Industrie im Ruhrgebiet: Monument der Moderne und Wahrzeichen, Leitprojekt und Symbol des Strukturwandels. Seit 2001 Welterbestätte der Unesco, ist sie mit dieser Auszeichnung die Verpflichtung eingegangen, ihre Substanz zu bewahren. Der rabiate Umgang mit der Kohlenwäsche hat inzwischen "Icomos" auf den Plan gerufen: Sollte sein Gutachten die Unesco veranlassen, die Zeche Zollverein auf die "rote" Liste zu setzen, käme zu dem Geschichts- noch der Gesichtsverlust.

          Denn aufhalten läßt sich das Abwracken der Kohlenwäsche nicht mehr. Der Direktor des Ruhrlandmuseums, das im Ruhrmuseum aufgehen und, wie er betont, "Weltniveau" haben soll, erklärt zwar pflichtgemäß das Gebäude zum ersten Exponat, doch findet der Historiker nichts dabei, daß Strukturen und Sinnzusammenhänge, die über den Gegenstand Auskunft geben, vernichtet werden. Die Tagung läßt, so verrät ihr Programm, "Wahrnehmung und Erkenntnis" hierzu als "Über-Reste" hinter sich. Längst wurde dafür gesorgt, daß das Haus, das hier 2006 eröffnet werden soll, mit der Vergangenheit nicht mehr viel zu tun hat.

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