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Gina Thomas (G.T.)

Zauber der Gesellschaftskritik : Phänomenalsnob

  • -Aktualisiert am

Ganz England freut sich auf J. K. Rowlings ersten Roman für Erwachsene. Im Heimatdorf der Autorin kommt indes Ärger auf - die Snobs der Nation sollen anderenorts wohnen.

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          Am Donnerstag um 8 Uhr morgens werden britische Buchhandlungen ihre Türen vorzeitig aufsperren, denn dann ist J. K. Rowlings erster Roman für Erwachsene, „A Casual Vacancy“, endlich da. Der Handel reibt sich die Hände bei der Aussicht auf das verkaufsstärkste belletristische Buch des Jahres. Nur Tutshill, das südwestenglische Dorf, in dem die Harry-Potter-Autorin aufwuchs, ist nicht beglückt. Ihre Schilderung der Lokalfehden in einer malerischen Ortschaft, in der sich der gediegene Mittelstand die Wohlfahrtsschnorrer am Ortsrand am liebsten wegdenken würde, soll auf eigenen Kindheitserfahrungen in Tutshill beruhen, weswegen dessen Bewohner J. K. Rowlings Bemerkungen über das Klassensystem auf sich beziehen.

          In einem Interview hat die Autorin die britische Gesellschaft als „phänomenal snobistisch“ bezeichnet und sich über die dünkelhafte Mittelschicht, die ihr besonders vertraut sei, mokiert. In Tutshill verwahren sich die Bewohner gegen die Unterstellung, sie seien snobistisch oder prätentiös. Mit dieser bereits in den Abenteuern des Zauberlehrlings abgeschnittenen Thematik befindet sich J. K. Rowling freilich in bester Gesellschaft. Jane Austen und Charles Dickens, George Bernard Shaw, Evelyn Waugh und Julian Fellowes, alle haben sie aus der „reichen Ader“ des britischen Klassensystems geschöpft.

          Von „plebs“ und „snobs“

          Wie wenig fiktiv es ist, erleben die Briten gerade in der Westminster-Posse um den konservativen Einpeitscher Andrew Mitchell, der die Polizei angepöbelt hat, als sie ihm mit seinem Fahrrad den Zugang durch ein Sicherheitstor der Downing Street verweigerte. Die Darstellung dieses Zwischenfalls, der seit Tagen die Schlagzeilen beherrscht, klaffen so weit auseinander wie die verschiedenen Versionen desselben Verbrechens in Kurosawas Filmklassiker „Rashomon“.

          Vor allem an einem Wort wird Anstoß genommen wird – an „pleb“, von dem die meisten meinten, es werde längst nicht mehr gebraucht. Mitchell bestreitet, die Polizisten als „plebs“ (Proleten) bezeichnet zu haben, doch passt die vermeintliche Wortwahl so schön zum Klischee des überheblichen Konservativen, dass die Kritiker der als Inbegriff dieser Haltung empfundenen Regierung nicht davon lassen wollen. In Tutshill glaubt man, J. K. Rowling müsse einen Komplex haben, wenn sie den Ort als snobistisch beschreibe. Diesen Komplex teilt sie mit der ganzen Nation.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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