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Zadie Smith im Gespräch : Wir waren blind und naiv

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Das ist Ihre Überzeugung, und trotzdem sehen Sie jetzt zweifelnd aus.

So offenkundig lächerlich ich manches finde, worum es der jüngeren Linken geht, so sehr sind mir die Fehler bewusst, die wir gemacht haben, meine Generation. Ich fühle mich moralisch nicht gerade überlegen, über andere zu urteilen.

Welche Fehler denn?

Die Wurzeln dessen, was heute geschieht oder eben nicht geschieht, wurden in den neunziger Jahren angelegt. Wir haben uns um Nichts gekümmert, einfach so vor uns hingelebt.

Worum hätten Sie sich kümmern müssen?

Wir hätten die Freiheit verteidigen müssen, mit der wir viel zu selbstverständlich gelebt haben. Verglichen mit den gesellschaftlichen Veränderungen der sechziger und siebziger Jahre lebten wir, so dachte ich damals ...

Mitte der Neunziger waren Sie 25 Jahre alt.

... in einem neutralen Nichts. Die Freiheit nahm ich als gegeben hin, als ginge es immer so weiter und als würde es im Zweifelsfall besser: freier und freier, einfach so. Wir waren blind und naiv.

Wenn man zurückdenkt, an Ihre Anfänge als Schriftstellerin und an Interviews mit Ihnen, fällt mir als Erstes ein, dass sie durchaus streitbar und kritikfreudig waren und sich in der Öffentlichkeit kämpferisch gezeigt haben.

Es gab natürlich einiges, was ich an den Neunzigern kritisierte. Ich fand Tony Blair in seiner Pose, sich mit der Popkultur zu verbrüdern, wahnsinnig lächerlich und peinlich: wie er „Oasis“ traf zum Beispiel. Aber das Wesentliche habe ich nicht erkannt. Westeuropa bedeutete für mich ganz selbstverständlich Stabilität, Sicherheit, Freiheit, das alles schien mir für immer gesetzt und war sicher identitätsstiftend. Irgendwann ging es los, dass man Reisen machte, nach Asien oder Afrika – und natürlich bekam man dort ein Gefühl für gesellschaftliche Konflikte, für das Elend, für die Katastrophen, die in der Welt geschehen. Aber in Westeuropa schien all das unvorstellbar. Das war das damalige Lebensgefühl. Ich spreche oft mit meinen Studenten in den Vereinigten Staaten über die neunziger Jahre, auch über die Schuldgefühle, die ich gegenüber den heute Jüngeren deswegen habe.

In „Swing Time“ findet die Protagonistin ihren ersten Job in dieser Zeit. Sie arbeitet für einen Musikfernsehsender, dann als persönliche Assistentin einer sehr erfolgreichen Popsängerin. Die Dinge ergeben sich einfach so.

Man kam leicht an Praktika, die natürlich bezahlt wurden. Man blieb danach, es wurden Jobs daraus. Einige meiner Freunde begannen für Zeitungen zu arbeiten, viele von ihnen haben die Jobs heute noch. Sie verdienten in den neunziger Jahren zum Teil absurde Summen. Jahreseinkommen von einer eine halbe Million Pfund für eine Zeitungskolumne. Heute denkt man: wie geisteskrank! Aber alles ergab sich eben einfach so. Für das Buch war es mir wichtig, mich genau zu erinnern, wie die Dinge wirklich waren.

Weil sie vergessen werden?

Es scheint momentan sehr leicht, zu vergessen, nicht mehr das ganze Bild zu sehen. Stattdessen werfen sich Menschen in Wellen von Nostalgie. Engländer jedenfalls zeigen in meiner Wahrnehmung eine wahnsinnige Bereitschaft dazu. So gesehen hat der Brexit auch etwas Gutes.

Was ist gut daran?

Er ist die finale Dekonstruktion der Illusion, dass Abkommen, die auf Zusammenhalt ausgerichtet sind, für immer stabil bleiben. Dass eine offene Gesellschaft für immer stabil bleibt. Nativistische Gefühle kommen immer wieder auf, dieses Mal massiv, aber ich glaube nicht, dass alles sinnlos ist. Wir haben aus dem Brexit-Votum oder auch der Wahl Donald Trumps gelernt, dass wir unsere Argumente für eine freie Gesellschaft immer wieder wiederholen müssen.

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