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Zadie Smith im Gespräch : Wir waren blind und naiv

  • -Aktualisiert am

Sie waren stolz.

Natürlich. Kein besonders interessanter Gedanke, aber ich war glücklich, dass ich mir das Geld selbst erarbeitet hatte - auch wissend, wie sehr sich meine Mutter freuen würde. Wenngleich es für mich immer etwas surreal war, mit Sätzen Geld zu verdienen. Heute finde ich es interessant, mich und meine Familie zu beobachten, wie wir dieses mittelständische Leben führen.

Was genau?

Ich konnte einen meiner Brüder beim Kauf seines Hauses unterstützen - kann meiner Familie Stabilität geben. Eine außergewöhnliche Erfahrung für jemanden, der aus der Arbeiterklasse kommt. Ich denke darüber nach, wie es meinen Kindern später ergehen wird, die nicht zwangsläufig für ihre Eltern werden sorgen müssen, wie es in Immigranten-Familien üblich ist – mental eine vollkommen andere Dynamik. Es macht mich wahnsinnig wütend, dass es in Städten wie London inzwischen für Kinder der Arbeiterklasse schier unmöglich ist, sich das aufzubauen. Das Schlimme ist, dass die meisten Eltern aus der Arbeiterklasse ihren Kindern gar nicht mehr die Perspektive aufzeigen, dass man aufsteigen kann, weil sie es für unmöglich halten. Das ist das Versäumnis der demokratisch gewählten Führer des Landes. Ein enormes.

Engagieren Sie sich in irgendeiner Form? Hat diese nachbarschaftliche Begegnung, die zu nichts weiter führte, sie dazu veranlasst?

Ich werde öfter angefragt, bei Demonstrationen zu sprechen, aber ich bin allergisch auf diese Art öffentlicher Auftritte, schlichtweg nicht gut darin. Jemand wie Susan Sontag konnte das. Aber jeder hat seinen Weg, der Résistance zu helfen. Dieser Satz ist seit der Wahl Donald Trumps in New York ständig zu hören.

Welcher Weg ist Ihrer?

Ich sage das nicht oft, aber wenn ich schreibe, versuche ich darzustellen, wie vernünftiges Denken aussieht.

Man kann gerade nur schwer deuten, ob Ihnen das ausreicht oder nicht.

Es wirkt vielleicht im ersten Moment als sei es weniger als ein öffentlicher Auftritt.

Aber?

Wenn man bedenkt, wie viel rhetorisch schön verpackter Irrsinn, wie viel Aufrührerisches, verdreht Emotionales in Umlauf ist, ist es doch etwas. Ich erinnere mich, wie mich Bücher als Kind beeinflusst haben – George Orwell zum Beispiel –, wie mir die Unterschiede zwischen Rhetorik und Propaganda und vernünftigem Denken klar wurden. Es geht mir dabei nicht darum, in einer Diskussion Recht zu haben.

Es geht um den Austausch?

Ich will aufzeigen, wie es aussieht, alle Gedanken an Bord zu nehmen, die Meinung des anderen nicht nur zu respektieren, sondern sie aufrichtig zu überdenken, auf ihren möglichen Wert zu prüfen. Das scheint mir heute immer wichtiger. Vor einem Jahr saß ich einige Abende vor dem Brexit-Votum mit Freunden in London beim Abendessen zusammen. Keiner glaubte an diesen Ausgang. Wir lebten wie hinter einem Schleier.

Wie sehen Sie England ein Jahr nach dem Brexit-Votum?

Wenn es still und leise einen Weg dazu gäbe, ihre Entscheidung rückgängig zu machen, würden es viele Menschen tun. Das ist meine Beobachtung und mein vollkommen unwissenschaftlicher Blickwinkel auf die Situation. In dem Votum kam Unzufriedenheit über alles Mögliche zusammen, auf vermeintlich ultimativ demokratischstem Wege, durch ein simples „Ja“ oder „Nein“, Daumen hoch oder runter. Eine irrsinnige Reduzierung. Was mich angeht, ich befinde mich in einem Zustand ständigen Staunens, was in England ganz generell in der Politik toleriert wird und was nicht.

„Wenn es still und leise einen Weg dazu gäbe, ihre Entscheidung rückgängig zu machen, würden es viele Menschen tun. Das ist meine Beobachtung und mein vollkommen unwissenschaftlicher Blickwinkel auf die Situation“, sagt Zadie Smith über den Brexit.

Was meinen Sie?

Ich bin verblüfft, dass Theresa May ihr Amt nach der Brandkatastrophe im Grenfell Tower noch innehat. Mir fehlen in England hörbare Stimmen, viele Stimmen, Forderungen, die sich aufs Gemeinwesen konzentrieren.

Es gibt doch eine durchaus aktive jüngere Linke.

Stimmt. Aber ich wünschte, ihre Ziele würden sich nicht so stark auf Persönliches richten, auf Identität und den Raum, den man für selbige erkämpft. Ich verstehe einfach nicht, wie man politische Schriften von der Fläche ganzer Kornfelder und die zahllosen Arbeitsstunden, die damit einhergehen, in Belange wie Toiletten für Transgender investieren kann, die wahrscheinlich ein Prozent der Gesellschaft ausmacht. Und dabei geht es mir gar nicht um die moralische Frage, ob es solche Toiletten geben sollte oder nicht – ich bin mit Zahlen aufgewachsen, mit der Vorstellung von der Linken als Massenbewegung, die für alle eintreten will.

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