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Yvon Lambert im Gespräch : Spekulanten schicke ich zur Bank

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Warum schließen Sie Ihre Galerie? Ist Paris kein guter Marktplatz mehr?

Paris ist schon seit langem keine Kunsthauptstadt mehr. Mit dieser Realität kann man leben. Aber ich mache heute nicht mehr das Handwerk, das ich vor zehn Jahren gemacht habe. Kunstmessen haben eine übermächtige Bedeutung im internationalen Betrieb gewonnen. Außerdem, ich bin 78 Jahre alt. Ich möchte mich vor allem meiner zweiten Leidenschaft widmen: Büchern und bibliophilen Werken. Und eine Galerie einem Nachfolger zu übergeben, hat sich meist als Desaster erwiesen. Ich glaube, gute Galerien sind mit einer Persönlichkeit untrennbar verbunden.

Was halten Sie von den derzeitigen Preisen im Kunstmarkt? Sie haben ja selbst auch davon profitiert.

Die Explosion von Preisen für junge Künstler, die noch vor ein paar Monaten nahezu unbekannt waren, dass überhaupt alles derart schnell geht, ist extrem ungesund. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Blase platzt. Es wird zurzeit so unglaublich viel Geld in den Markt gepumpt und die Megagalerien begleiten diese Entwicklung, sie sind ja Teil des Spiels.

War das früher anders? Haben sich nicht eher die Relationen nur verschoben?

Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht! Heute kann man dieses Foto (er zeigt auf ein Foto von Nan Goldin in seinem Büro) im Internet verkaufen. Vor zwanzig Jahren kamen die Leute in die Galerie, und wir teilten miteinander, mit Kunst zu leben und darüber zu sprechen. Das kommt natürlich noch vor, aber die Welt der Käufer hat sich sehr verändert. Die Spekulation lässt sich nicht mehr ignorieren. Heute wird man als Galerist mit einem Anlageberater verwechselt. Dem verweigere ich mich. Leute, die hierherkommen, um eine Kapitalanlage zu machen, schicke ich zur Bank. Das ist nicht mein Beruf. Die Kunstberater sind eine traurige amerikanische Erfindung. Sie erinnern mich an Leute, die einen Dekorateur mit der Einrichtung ihres Hauses beauftragen: Mein Haus ist leer, füllen Sie mir das doch bitte auf, ich zahle dafür.

Hat sich die Galerie als öffentlicher Raum sehr verändert, hat Sie eine Zukunft als Marktplatz?

Galerien sind noch immer offene Räume für ein Publikum, das kostenlos bleiben und phantastische Ausstellungen sehen kann. Selbst wenn gemunkelt wird, dass die Galerien vom Internet und den Auktionshäusern verdrängt werden könnten, selbst wenn Museen heute Ausstellungen zeigen, die sie vor dreißig Jahren noch nicht gemacht hätten, glaube ich nicht an den Untergang der Galerien. Auch das Internet schafft das nicht - wir verkaufen ja selbst über Internet. Es gibt so viel Positives zu berichten. Museen sind doch heute unglaublich viel neugieriger auf zeitgenössische Kunst.

Ist es Ihnen gelungen, Künstler aus dem spekulativen Markt herauszuhalten?

Ich habe immer mit Künstlern gearbeitet, die die Kunstgeschichte vorantreiben, die etwas Neues beitragen. Sie haben nichts mit Modeerscheinungen zu tun. Heute interessieren mich zum Beispiel Adel Abdessemed oder Philippe Parreno. Sie sind noch jung, aber schon vollendete Künstler. Natürlich war es immer die Arbeit eines Galeristen, seine Künstler aufzubauen, in guten Sammlungen zu plazieren, genau zu überlegen, wohin die Werke gehen. Wenn ich ein Prinzip habe, dann ist es das, meine Künstler - ihre Wünsche und Ziele - zu respektieren. Das bedeutet auch, sie in allen Situationen zu unterstützen. Mit den jüngeren Künstlern ist es leichter, sie haben Verständnis für meine Entscheidung.

Was haben Sie in Zukunft vor?

Natürlich werde ich mich den Ausstellungsprojekten meiner Sammlung in Avignon widmen. Aber ich bleibe Paris verbunden und werde hier eine Buchhandlung eröffnen. Ganz in der Tradition französischer Kunsthändler wie Vollard und Kahnweiler möchte ich die Reihe bibliophiler Bände weiterführen, für die jeweils ein Künstler und ein Dichter zusammenarbeiten. Aber zunächst einmal werden wir die letzten Ausstellungen vorbereiten: Douglas Gordon - und ganz zum Schluss Anselm Kiefer.

Die Fragen stellte Bettina Wohlfarth

Im Jahr 1966 gründete Yvon Lambert seine Galerie in Saint Germain, zog dann gleich neben das Centre Pompidou. Minimalismus und Konzeptkunst wie Sol LeWitt, Robert Ryman, Niele Toroni, Daniel Buren oder Richard Long hat er groß gemacht, es folgten Miquel Barceló oder Robert Combas, Nan Goldin und Candida Höfer. Zu seinen jüngsten Entdeckungen zählen Markus Schinwald, Mounir Fatmi oder Stefan Brüggemann.

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