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Subway-Kunst : Yoko Onos Himmelsoase

  • -Aktualisiert am

Yoko Ono holt den Himmel unter die Stadt. Bild: dpa

Die New Yorker U-Bahn verströmt an vielen Stationen noch den Charme des neunzehnten Jahrhunderts. Staunen lässt die Benutzer jetzt ein Mosaik von Yoko Ono.

          Die New Yorker Subway gehört noch fast ins neunzehnte Jahrhundert und sieht fast überall auch so aus. Aber sie erschließt einen Großteil der Stadt. Falls sie kommt, was mit zunehmender Häufigkeit nicht mehr immer der Fall ist. Weil sie inzwischen hundertvierzehn Jahre alt ist, aber niemand wahrhaben wollte, was Alter bei einer Untergrundbahn bedeutet. Da sich niemand rechtzeitig darum gekümmert hat, sie instand zu halten, werden seit Jahren immer wieder Teilstrecken tageweise geschlossen, um das Nötigste zu reparieren, gern am Wochenende, wenn vor allem die Touristen keine Ahnung haben, wie sie auf anderen Wegen zu ihrem Ziel kommen sollen.

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          Außer den Schienen, den Trassen, den Weichen, den Tunnelabstützungen bekommen auch viele Stationen langsam und nacheinander immerhin – einen neuen Anstrich. Manche sogar mehr. Einige sind, frisch gekachelt, mit Sitzbänken und hellen Leuchten nicht wiederzuerkennen, und den staunenden Passagier erwartet am Ende der unreparierten Treppen von der Straße hinab: die Jetztzeit. Und mit ihr ein unerhörter Service: elektronische Anzeigetafeln, Touchscreens für die Routenplanung, auf denen auch Leute, die ihre Brille vergessen haben, ihr Ziel finden können, Fahrpläne, Verspätungsansagen.

          Und manchmal sogar Kunst. Dafür hat die Transportbehörde eine eigene Abteilung, deren neueste Idee schlagend einleuchtend ist. Sie beauftragte Yoko Ono, die direkt obendrüber wohnt, mit der Gestaltung der Station an der 72nd Street, Ecke Central Park West. „Imagine the clouds dripping. Dig a hole in your garden to put them in.“ (Stell dir vor, die Wolken tropfen vom Himmel. Schaufel ein Loch für sie in deinem Garten), das hatte sie vor 55 Jahren bereits gedichtet. Jetzt holte sie den Himmel unter die Stadt und entwarf Wolkenmosaiken für die Station, in denen sich das neu gesetzte Licht spiegelt. Und in die Mosaiken hinein schrieb die Künstlerin aufmunternde Botschaften, „dream“ zum Beispiel oder „remember love“ oder auch „imagine peace“. Umgeben von blauen und weißen Kacheln im Rest der Station fühlt man sich wie auf einer gut bevölkerten Himmelsoase, deren Bewohner mit jedem einfahrenden Zug ausgetauscht werden.

          Und in die Mosaiken hinein schrieb die Künstlerin aufmunternde Botschaften, „dream“ zum Beispiel oder „remember love“ oder auch „imagine peace“.

          Am Wochenende, das kühl und regnerisch und ohne Himmel war, gab es keinen, der achtlos an den Mosaiken vorbeigegangen wäre. Von ganz nah in einem bestimmten Winkel gesehen, verwandelt sich der Himmel in einen Wald, von unten wirkt es, als steige man geradewegs hinein in die Wolken, und oben, wo ein Schild „Downtown“ auf den Himmel genagelt wurde, mit einem langgestreckten Pfeil, der geradewegs in die nächste Wolke weist, wäre man nicht überrascht, hinter der Abbiegung eine Wiese voller blühender Herbstblumen zu finden. Es ist dann aber doch nur der Bahnsteig mit einer langen Wand, die noch auf Kachelung wartet. Der Zug, der angekündigt war, kam lange nicht. Imagine peace, dachte man, erinnerte sich an die Liebe und schaute geduldig nach oben, wo die Wolken nicht weiterzogen, aber irrlichternd glänzten, je nachdem, wer gerade ins oder aus dem Licht trat.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

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