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Yogalehrer Hans-Peter Hempel : Was tue ich hier eigentlich gerade?

Indien hat ihn gerettet: Hans-Peter Hempel in seiner Berliner Wohnung Bild: Julia Zimmermann

Verträgt sich Yoga mit dem modernen Berufsleben, ist er die richtige Antwort auf die Schnelllebigkeit unserer Zeit? Das haben wir den Politikwissenschaftler und Yogalehrer Hans-Peter Hempel gefragt - mit überraschendem Ergebnis.

          5 Min.

          Nördlich des Ku’damms, in einer der Historikerstraßen, wohnt Hans-Peter Hempel. Vor Jahren hat er zwei Yoga-Einführungen geschrieben, die sich dadurch auszeichneten, den alten indischen Weltzugang über die Yogamatte hinaus gesellschaftlich und politisch weiterzudenken. Nach der Lektüre fühlte man sich entspannt, ohne die Welt, wie sie ist, aus den Augen zu verlieren - ein Zustand wie geschaffen für die Tage der Finanz- und Schuldenkrise. Galt Yoga früher eher als Freizeitbeschäftigung, wird er neuerdings in Büchern und Magazingeschichten als Überlebensstrategie in der Arbeitswelt empfohlen. Zukunftsforscher prognostizieren eine Verdopplung der Arbeitsleistung unter den verbliebenen Vollbeschäftigten bis zum Jahr 2030, und da jeder weiß, dass wir das mit unserer gequetschten Körperhaltung und der vor dem Computer praktizierten Flachatmung, mit der wir permanent CO2 unter die Schultern pumpen, nicht schaffen werden, sehen wir plötzlich Yoga mit anderen Augen.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Kann die fernöstliche Lebenspraxis, in die wir viel Freizeit investieren müssen, die Lösung unserer Probleme sein, ist Selbstoptimierung überhaupt der richtige Weg? Oder führt uns Yoga geradewegs in eine tiefenentspannte Verweigerungshaltung gegenüber den nahwestlichen Verhältnissen? Vielleicht weiß Herr Hempel Rat, am Telefon war er gleich Feuer und Flamme gewesen nach unserer Anfrage und hatte in seine Wohnung mit den Worten eingeladen: „Hier ist es so schön - einmal da, wollen Sie nicht mehr weg.“

          Atemlose Ankunft

          Es ist ein Besuch aus Neugier. Das Klingeln an der Eingangstür des Gründerzeithauses wird von einem leichten Summen beantwortet. Hempel, der 77 Jahre alt ist, lebt mit seiner Frau, die früher für die Bankenaufsicht gearbeitet hat, im fünften Stock, die Wohnung haben sie erst vor einiger Zeit gekauft, einen Aufzug gibt es scheinbar nicht. Auf einem roten Läufer geht es vorbei an Klingelschildern mit den Namen bekannter Schauspieler, die niedrigen Treppenstufen verleiten zum schnellen Aufstieg, was sich als Fehler erweist, denn spätestens im vierten Stock wird der Atem knapp. Hempel erscheint mit seiner schwarzen Haarmähne in Sichtweite: Schmunzelt er?

          Hans-Peter Hempel ist kleiner, als er auf Bildern wirkt, er trägt ein weißes T-Shirt und eine weiße Hose. Er sieht aus wie ein Masseur, geht auf Socken und begrüßt den Besucher mit junger, unerwartet heller Stimme. Der zieht die Schuhe aus und darf sich im lichten Haus mit viel hellem Holz einen passenden Gesprächsort aussuchen. Gleich links ist das Yoga-Zimmer für den Privatunterricht, es folgt der Wohnbereich mit Balkon und Blick über die Dächer. Dann kommt der Essbereich mit gläsernem Tisch, großem Fenster, Blick in alle Richtungen, hier passt es. Wirklich schön hier, die Dachwohnung ist mit leichter Hand und ·einem Gespür für Licht und Sichtachsen entworfen.

          Eigentlich drei Geschichten

          Ein Mönch sprach einst Meister Kegon an: „Ich bin von weither gekommen, euch zu sehen. Würdet ihr mir gütigst ein Wort der Unterweisung geben?“ Kegon antwortete: „Ich werde alt, und mein Rücken tut mir heute weh.“ Diese Zen-Anekdote steht in einem der Bücher Hempels, so dass man als Besucher mit ähnlichem Ansinnen auf einiges gefasst ist. Doch dann bietet uns Frau Hempel erst mal einen Tee an, ganz ohne Ingwer und indisches Kraut, einen Earl Grey, der in leicht kolorierten KPM-Tassen serviert wird, und während sie ein Schälchen mit exzellentem Gebäck dazu stellt, eröffnet Hempel kauend und ohne Guru-Attitüde das Gespräch.

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