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Yasmina Reza : Kunststück

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Sie machte ein monochromes weißes Malmachwerk von 1,20 mal 1,60 Meter zum berühmtesten Bild der Theatergeschichte: Eine Wiederbegegnung mit Yasmina Rezas wunderbarer Komödie „Kunst“.

          2 Min.

          Das Stück heißt „Kunst“. Und es ist eine. Es stammt von Yasmina Reza, der französischen Dramatikerin, die so leichte Komödien schreibt, dass man gar nicht merkt, wie schwer sie sind. Und wie sie die Welt verändern. In „Kunst“ brennt ein rein weißes Bild, 1,20 x 1,60 Meter groß, ein Loch in die Welt. Das drei Männer, Marc (Luftfahrtingenieur), Serge (Hautarzt) und Yvan (Papierhändler) verschluckt. Beziehungsweise deren Beziehung. Seitdem ist dieses weiße Bild das berühmteste, monochrome Malmachwerk der Theatergeschichte.

          Es geht in „Kunst“ nicht um Kunst. Es geht um eine Welt. Dass eine weiße Fläche von 1,20 x 1,60 Meter, die Serge für 200000 Francs (heute 100000 Euro) gekauft hat, eine Welt aus Freundschaft, Liebe und Vertrauen ins Chaos stürzt inklusive einer Schlägerei, Weinkrämpfen, Wutausbrüchen („Für diese Scheiße hast du 100000 bezahlt?“), gegenseitigem Ehefrauenschlechtmachen („Du sprichst nur deshalb von Paula, einer Frau, die mein Leben teilt, in diesen unerträglichen Worten, weil du die Art, wie sie den Zigarettenrauch verscheucht, missbilligst?“) und einem womöglich geplatzten Trommelfell - das war im Oktober 1995, als „Kunst“ in der Berliner Schaubühne von den drei Präzisionsschauspielern Gerd Wameling (Serge), Udo Samel (Marc) und Peter Simonischek (Yvan) wunderbar leicht wie mit dem männerschmerzsatirischen Silberstift in die Katastrophenluft gezeichnet ward, eine Seligkeit.

          Eleganzschlenderei über Tragödienkruste

          Es widerfuhr dem deutschen Publikum bei der deutschen Erstaufführung ein ziemlich undeutsches Glück. Eine Eleganzschlenderei über den Boulevard, dessen Asphalt aus einer hauchdünnen, federnden Tragödienkruste besteht. Darunter: Abgründe. Ich dachte damals, dass dies so perfekt, so im Trio-Spiel ausbalanciert gewesen sei (dreistimmige Fuge in Mann-Dur), dass ich mir das nie mehr von anderen gespielt anzuschauen brauche. „Kunst“ wurde dann ein Welt-Renner. Millionen mal aufgeführt auf allen Kontinenten (wo es Männer gibt). Kaum mehr aber, wie damals in der Schaubühne, von allerersten Schauspielern, besten Häusern. Leider ein Fall für die zweiten Reihen.

          Jetzt ist „Kunst“ im Schauspiel Frankfurt gelandet. Und ich dachte, schau’n m’r mal wieder. Der Hausherr Oliver Reese inszeniert. Und liefert „Kunst“ nicht eigentlich an drei gute, sondern an fast nur einen ziemlich ausgefallenen Schauspieler aus, Wolfgang Michael als Marc. Das Trio wird zum Solo. Eines Wahnsinnigen. Eine Art Rasputin-Clochard im gescheitelten Schmuddellanghaar mit roten Socken und maulmahlend dunkeljaulendem Nervengesäge in durchgeknallter Menschenfeind-Manier, immer an der Schmerz- und Tobsuchtsgrenze: der tyrannische Guru, der nicht möchte, dass seine Geschmacksdiktatur durch ein Bild von 1,20 x 1,60 Meter ersetzt werde.

          Bewährung in Frankfurt

          Und so psychopathologisiert und terrorisiert und enerviert Herr Michael die Herren Martin Rentzsch (Serge) und Sascha Nathan (Yvan) an sämtliche Boulevardwände. Und spätestens dann, als dies dem Glücks- und Glucksgelächter im Publikum über die Pointen im Text des Stücks keinen Abbruch tat, spürte man, dass Yasmina Reza jetzt endgültig den Status einer Klassikerin erreicht hat: Man kann alles mit ihr machen. Und sie hält es spielend aus.

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