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Yasmina Reza im Gespräch : Wörter sind nichts Festes

  • -Aktualisiert am

Yasmina Reza Bild: Pascal Victor/ArtComArt

Sprache als Heimat, Übersetzungen als Tragödie, eine Frauenrolle für einen Mann: Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza hat einen neuen Monolog geschrieben – „Anne-Marie die Schönheit“

          7 Min.

          Sie sind dafür bekannt, dass Sie Interviews hassen, und doch sitzen wir nun hier, um über ihr neues Buch zu reden. Warum machen Sie es weiterhin?

          Ich habe versucht, es zu lassen. Bei meinem Roman „Adam Haberberg“ zum Beispiel habe ich meinem Verleger gesagt: Wir machen nichts. Da das Buch davor Erfolg gehabt hatte, dachte ich, es würde nun von selbst laufen. Von wegen. Es war natürlich eine Katastrophe! Man braucht heute so viel Stoff! Wenn Sie nicht sprechen wollen, fragt man eben jemand anderen. Man darf nicht so anmaßend sein, zu denken, dass man trotzdem bevorzugt wird.

          Was stört Sie denn genau? Dass man Sie, die die Ambivalenz so schätzt, festnageln könnte?

          Ganz genau. Wenn man etwas kommentiert, dann fixiert man es. Man stellt es als Wahrheit hin, dabei ist doch die Wahrheit, dass wir das Meiste, was wir tun, selbst nicht ganz verstehen. Deshalb scheinen mir diese intellektuellen Rekonstruktionen, diese Kommentare ungenau und teilweise sogar gelogen.

          Fixiert Schreiben denn nicht auch?

          Nein, eben nicht, weil man ja mit all seinen Widersprüchlichkeiten schreibt. Man kann übertreiben, unaufrichtig sein, man kann Dinge sagen, von denen man weiß, dass sie falsch sind, aber die man trotzdem sagen möchte. Aus genau diesem Grund will ich auch nicht zu den Intellektuellen gezählt werden. Sie müssen eine vernünftige Sicht auf die Welt haben, während ich ganz im Gegenteil versuche, einen unvernünftigen Blick auf sie zu werfen, das Unvernünftige zu zeigen. So wie die meisten Schriftsteller. Sie breiten in ihren Büchern ihre widersprüchlichen, unverschämten, oft verrückten Weltsichten aus, weshalb sollten sie danach eine luzide Meinung äußern und, was weiß ich, die Flüchtlingskrise kommentieren?

          Vielleicht weil sie Dinge anders betrachten und beurteilen können?

          Das stimmt, das Empfinden ist stark und subtil, manchmal auch genauer als wissenschaftliche Studien, aber das steht doch alles schon in den Büchern. Ich habe zum Beispiel weniger Freude daran, einen Autor zu lesen, wenn er mir in seinen Interviews die politische Weltlage erklärt. Es verliert seinen Reiz, weil ich dann ja weiß, was er denkt, hinter welcher Figur er sich versteckt. Dabei ist Lesen doch auch immer eine Suche nach dem Autor.

          Sie sind eine Anhängerin der Stille?

          Absolut. Ich glaube, man sagt viel mehr, indem man nichts sagt. Das klingt aus dem Mund einer Schriftstellerin natürlich paradox. Aber für mich ist eine Seite, auf der Stille herrscht, eine gelungene Seite. Das lockert auf, deutet andere mögliche Welten an. Ich habe das schon immer gemocht, dem Unausgesprochenen Raum zu lassen und zugleich ganz konkret zu sein.

          Dann seien wir konkret: Sie haben in Deutschland gerade das Buch „Anne-Marie die Schönheit“ veröffentlicht. In Frankreich erscheint der Text erst im Februar. Wie kommt das?

          Ach, das ist nur eine Termingeschichte. Das Buch hätte in Frankreich früher rauskommen sollen, aber da die Premiere des Stückes, das ich, ausgehend vom Buch, in Paris inszeniere, verschoben wurde, haben wir die französische Veröffentlichung auch verschoben. Die deutsche Ausgabe war schon geplant, also haben wir es so gelassen. Ich finde es großartig, dass die Deutschen nicht auf die Franzosen warten, das ist fast, als sei ich eine deutsche Autorin.

          Macht Sie das stolz?

          Nein, aber es freut mich. Ich mag Deutschland sehr. Ich bin dort immer sehr glücklich gewesen.

          Geht diese Zuneigung auf Ihre Eltern zurück?

          Wahrscheinlich. Mein Vater ist in Moskau geboren und hat als kleiner Junge ein paar Jahre in Deutschland gelebt. Und so wie die meisten Juden aus Osteuropa war er von der deutschen Kultur, besonders der Musik, fasziniert. Meine Mutter, die Ungarin war und zu Zeiten der K.u.K.-Monarchie in Budapest gelebt hatte, war mit dieser Kultur und der deutschen Sprache aufgewachsen. Es gab in unserer Familie von Anfang an diese Prägung. Als ich später Theaterwissenschaften in Nanterre studierte, waren alle Stars des Augenblicks Deutsche: Peter Stein, Botho Strauss ... Sie waren unsere Meister. Deutschland ist ein kultureller Pfeiler geblieben.

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