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Yasmina Reza im Gespräch : Wörter sind nichts Festes

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Natürlich, sie kommt viel besser weg. Ich habe immer den Eindruck gehabt, dass man, je höher man aufsteigt, auch umso tiefer fallen kann. Zumindest in diesen Berufen, es gibt nicht viele in denen Glanz und Dekadenz, Aufstieg und Fall so nah beieinander liegen. Ich habe mehrere Menschen erlebt, denen das widerfahren ist, die so gefallen sind, von ganz oben. Das ist sehr hart. Existenziell ist es auch wahnsinnig spannend, weil die meisten, denen es passiert, es nicht erwarten. Giselle hat es nicht erwartet. Sie war ihr Leben lang von Leuten umgeben, wurde bewundert, aber hat es nicht geschafft, echte Beziehungen einzugehen. Deshalb ist sie am Ende ihres Lebens einsam.

Die Einsamkeit ist ein großes Thema im Text.

Im Beruf des Schriftstellers ist sie zentral. Wenn man sie nicht aushält, sollte man etwas anderes machen. In diesem Sinne mag ich die Einsamkeit, weil sie mich nährt. Wenn sie allerdings unfreiwillig ist, kalt und unproduktiv, dann ist sie sehr traurig. Es ist diese Form, die die beiden Frauen erleben. Giselle auf eine noch brutalere Weise, weil sie den Trubel des Erfolgs gekannt hat.

Sie selbst scheinen dem Erfolg sehr zu misstrauen.

Selbstverständlich. Der Erfolg ist ein Rätsel. Nehmen wir mein Stück „Kunst“: Es ist gut, aber von gut zum Welterfolg? Ich habe natürlich auch immer den möglichen Fall im Kopf gehabt. Ich habe mich sofort davor geschützt, indem ich mir eine Parallelwelt aufgebaut habe, die mit meinem Beruf nichts zu tun hat und die mein eigentliches Leben ausmacht. Das beruhigt mich. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass das Licht für Künstler gefährlich ist: Man riskiert, glatt zu werden.

Sie sprechen von dieser Parallelwelt: In „Anne-Marie“ geht es auch um Freundschaft, ein Thema das man in Ihrem Werk immer wieder findet. Sie schreiben in „Kunst“ und in „Nirgendwo“, dass der Freund oder die Freundin ein höheres, überlegenes Wesen sei. Bedeutet Freundschaft für Sie, von der Überlegenheit des anderen überzeugt zu sein?

Für mich ist schon die Freundschaft an sich die höhere, überlegene Beziehung. Höher als die Liebe, die als Begriff undefinierbar ist. Und, ja, ich glaube, dass immer etwas in der Art mitschwingt: Den Freund, die Freundin als jemanden zu sehen, der einem in gewissen Dingen überlegen ist. Ich denke das über all meine Freunde. Besonders über Moira, meine große Freundin, die erste, die meine Bücher liest. Ich bewundere ihre Art zu denken.

Einige Ihrer Texte wurden durch Freunde inspiriert, dieser ist explizit für einen Freund geschrieben: Für den Schauspieler André Marcon. Er wird in Ihrer Inszenierung die Rolle der Anne-Marie spielen. Warum schreiben Sie für einen Mann eine Frauenrolle?

Ich wollte schon sehr lange diesen Monolog einer Schauspielerin schreiben, aber da ich selbst Schauspielerin gewesen bin, störte mich die Nähe zu mir. Die mögliche Entblößung war mir unangenehm. Als André mir dann erzählte, dass er davon träumt, einmal eine Frau zu spielen, kam ich auf die Idee. Ich habe „Anne-Marie die Schönheit“ für ihn geschrieben und dabei die ganze Zeit an ihn gedacht. An seine sehr männliche Erscheinung, seine tiefe Stimme, diesen robusten Männerhals. Das hat mich befreit.

Wovon?

Unter anderem von mir selbst. Es sind viele sehr persönliche Dinge in diesem Text, aber die Worte bekommen aus dem Mund eines Mannes eine ganz andere Bedeutung. Zumal die Travestie ja zur Geschichte des Theaters gehört: Man befreit sich von der Psychologisierung, und die Universalität des Charakters erscheint.

„Anne-Marie die Schönheit“ ist im Hanser Verlag erschienen (übersetzt von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, 80 Seiten, 16 Euro).

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