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Yasmina Reza im Gespräch : Wörter sind nichts Festes

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Sie sprechen mehrere Sprachen, aber Deutsch nicht. Soweit ich weiß, hängen Sie sehr an der Genauigkeit der Wörter. Sie haben einmal gesagt: „Die Bedeutung ist mir egal, ich will das richtig Wort.“ Wie erleben sie da Übersetzungen?

Sehr schlecht. Die Übersetzung ist für mich eine Tragödie. Zum Glück spreche ich nicht so viele Sprachen, denn in denen, die ich spreche, bin ich fast hysterisch. Ich schaue mir alles an, bin unglücklich, greife ein. Es ist furchtbar. Ich verstehe auch, dass es schwer ist, meine Texte zu übersetzen, da ich die Wörter mehr wegen ihres Klangs als wegen ihrer Bedeutung auswähle und der Übersetzer, der Arme, nun mal die Bedeutung vor sich hat. Ich erinnere mich, wie ich einmal mit Milan Kundera, mit dem ich gut befreundet bin, zu Mittag aß und ihn fragte: „ Du musst mir verraten: Wie machst Du das mit den Übersetzungen?“ Wissen Sie, was er sagte? „Willst du das Essen sofort ruinieren?“

Ihre Eltern lebten beide im Exil, Sie selbst sprechen die Sprachen ihrer Vorfahren nicht. Ist das Französische für Sie so etwas wie Ihr Land geworden, eine Heimat?

Ich mag dieses Wort, Heimat, das gibt es bei uns nicht. Ja, die Sprache ist der Ort meiner Existenz. Ich glaube nicht, dass ich in einem Land leben könnte, in dem man nicht Französisch spricht. Wenn ich zum Beispiel eine Beziehung mit jemandem führe, mit dem ich Englisch sprechen muss, dann fühle ich mich verloren, obwohl ich gut spreche. Aber ich spüre, dass das nicht ich bin. Ich denke, das geht vielen so, aber bei mir ist es extrem. Einfach weil es bei uns nichts anderes gab: keine Wurzeln, kein Land, auch keine wirkliche kulturelle Verbindung. Die Sprache war etwas, das ich mir aneignen konnte. Etwas, das wirklich mir gehörte.

Ist das Schreiben dann eine Art, sich in diesem Land ein Haus zu bauen?

Nein, ich denke nicht. Wörter sind ja nichts Festes, sie sind sehr leicht. Und ich maße mir nicht an, zu glauben, dass meine Bücher mich überleben werden. Es ist mir auch egal.

„Anne-Marie die Schönheit“ ist der Monolog von Anne-Marie, einer alten, sehr einsamen Frau, einer ehemaligen Schauspielerin, die auf ihr Leben zurückblickt. Sie haben einmal gesagt, das Alter sei ein Exil ...

Das habe ich gesagt?

Soweit ich weiß, ja.

Was für ein idiotischer Satz.

Finden sie?

Ja, schon. Wobei, die Verbindung zum Exil ist nicht ganz falsch: Mit dem Alter verlässt man gewisse Zonen innerhalb seiner selbst, die man einfach nicht mehr besucht. Aber gut ...

„Anne-Marie die Schönheit“ ist im Hanser Verlag erschienen (übersetzt von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, 80 Seiten, 16 Euro).

Vielleicht ist das Thema des Textes auch weniger das Alter als die Zeit, die vergeht. Die Zeit ist etwas, das Sie, schon immer sehr beschäftigt hat.

Das stimmt, die Zeit war schon immer eine Obsession, selbst als ich klein war. Warten ist zum Beispiel etwas sehr Schwieriges für mich. Die Minuten, die verstreichen, die in die Leere fallen und nie wieder kommen ... Ich spüre das manchmal ganz körperlich.

Es scheint Sie aber nicht übermäßig melancholisch zu stimmen. Verbieten Sie es sich?

Die Melancholie der Zeit, die vergeht? Natürlich, das ist doch sinnlos. Manchmal überfällt sie mich, so wie jeden, aber ich verjage sie ganz schnell. Für das Schreiben ist sie gut. In diesem Text zum Beispiel sind viele melancholische Elemente, die durch Anne-Maries Energie ausbalanciert werden.

Anne-Marie war Schauspielerin, hatte aber nie Erfolg. Sie ist eine Frau des Schattens in einem Beruf des Scheinwerferlichts.

So wie die meisten Schauspieler, wie das Gros des Theaters: Leute, die diesen Beruf von ihrem 20. bis zu ihrem 80. Lebensjahr ausüben und damit ihr Geld verdienen, deren Namen aber kein Mensch kennt. Es bedarf schon vieler glücklicher Zufälle, um eine Karriere im Scheinwerferlicht zu machen.

So wie Sie es beschreiben, ist dieses Licht nicht unbedingt ein Glück. Anne-Marie scheint im Grunde besser wegzukommen als ihre Jugendfreundin Giselle, die diese große Karriere gemacht hat, dann aber vollkommen allein und vergessen endet.

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