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Xavier Naidoo beim ESC : Kurze Wege

Die Entscheidung der ARD, Xavier Naidoo zum Eurovision Song Contest zu schicken, sorgt für Verstimmung. Der Sender konnte damit rechnen. Für ihn gab es aber wohl Wichtigeres als hohe Sympathiewerte.

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          Damit war zu rechnen: Kaum gibt die ARD bekannt, dass Xavier Naidoo für Deutschland am Eurovision Song Contest teilnehmen soll, sind die ESC-Fans auf der Palme. Aus zwei Gründen: Die Zuschauer können nicht mehr bestimmen, wer zum Wettbewerb reist, sie können nur darüber abstimmen, mit welchem Lied Xavier Naidoo im kommenden Mai in Stockholm auftritt. Und der Sänger selbst ist wegen Äußerungen in Interviews und eines Auftritts bei einer rechten Spinner-Partei auch umstritten.

          Er sei ein rechtsverdrehter Verschwörungstheoretiker und schwulenfeindlich, wird Xavier Naidoo nun vorgehalten. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Wenn er nicht das Mikro ergreift, um zu singen, redet sich Naidoo ganz gerne um Kopf und Kragen. Er trat bei einer Veranstaltung der „Reichsbürger“ auf, die an ein Deutschland in den Grenzen von 1937 glauben und die Bundesregierung für illegitim halten, äußerte Zweifel am Hergang der Terroranschläge vom 11. September 2001 und daran, dass die Bundesrepublik ein freies Land und nicht von den Alliierten besetzt sei. Das macht summa summarum Quatsch hoch sieben und hat dafür gesorgt, dass sich Naidoos öffentliches Bild in den vergangenen Monaten eingetrübt hat.

          Christliche Botschaften dominieren

          Zuvor war ihm zugute gehalten worden, dass er sich gegen Rassismus wendete, dem er, aus einer Familie mit Wurzeln in Südafrika, Irland und Indien stammend, von Kindertagen an persönlich ausgesetzt war. Er sang die Hymne „Dieser Weg“, welche die deutsche Nationalmannschaft bei der „Sommermärchen“-Fußball-WM 2006 begleitete. Und wenn seine Texte von etwas dominiert sind, dann sind es christliche Botschaften, seine Auftritte haben etwas Missionarisches. Damit gewinnt er ein eingeschworenes Publikum für sich, trifft aber auch auf Ablehnung.

          Für die ARD aber stand bei der Entscheidung für Xavier Naidoo etwas anderes im Vordergrund: Xavier Naidoo, der Sänger, unabhängige Produzent und „Ausnahmemusiker“. Von dem ist zu hoffen, dass er nicht, wie die letzte deutsche Kandidatin, die als Zweitplatzierte einsprang, weil der Sieger des deutschen Vorentscheids das Handtuch warf, beim ESC mit null Punkten auf dem letzten Platz landet.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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