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Illustrationstheater : Vom Willen zur schamlosen Selbstreferenz

Uns bleibt immer Paris: Wo im Theater nicht die Illusion, sondern die Illustration das Ziel ist, sind Versatzstücke unentbehrlich. Bild: Judith Buss

Es gibt ein Theater, das die Gegenwart permanent kommentieren will. Seine Mittel wirken feuilletonistisch, aber eigentlich konkurriert es mit den sozialen Medien. Ein Beispiel?

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          Am Mittag des 25. September ging die Nachricht um die Welt, dass ein Mann in Paris vor dem Haus, in dem einmal das Büro von „Charlie Hebdo“ war, einen Mann und eine Frau, die vor der Tür eine Zigarette rauchten, mit einer Axt attackiert hatte. In die Inszenierung von Elfriede Jelineks „Wut“ am Schauspiel Köln, die am Abend des gleichen Tages Premiere hatte, wurde das Ereignis nicht mehr eingearbeitet, obwohl der 2016 uraufgeführte Text den Massenmord an den Satirikern von „Charlie Hebdo“ als Material nimmt und obwohl sich der Regisseur Ersan Mondtag sonst keine Chance zur aktualisierenden Fortschreibung entgehen ließ.

          So kommt in der Vorlage die Rede auf die Mänaden, die „in die berühmte Berliner Disco Bergheim, nein, Berghain abgewandert“ seien. In Köln wird die Verlustanzeige ergänzt um den Hinweis, dass das Berghain inzwischen zu einem Ausstellungshaus zweckentfremdet worden ist. Vor zwei Wochen stand das in der Zeitung. Die gelehrte Anspielung wird vom Insiderwitz überboten: Dieses Theater für Feuilletonleser hat selbst etwas Feuilletonistisches, im Willen zur Dauerglossierung und zur schamlosen Selbstreferenz.

          Alles bedeutet im nächsten Augenblick etwas anderes, und das von einem Riesenvogel gelegte Ei in der Mitte von Mondtags Bühnenbild, in dem man die von Familie Böhm entworfene Kölner Moschee wiedererkannt hatte, verwandelt sich ohne Umbau in den musealisierten Technobunker. Die gezackte Schiebetür öffnet sich, Wummern dringt heraus, gefolgt von der Mitteilung: „Monika Grütters ist da drin!“ Der Exzess als Botenbericht: simulierte Selbstvergessenheit fürs Kennerkollektiv. Das Discofieber erreicht den Siedepunkt, während es zur gleichen Zeit draußen, in der wirklichen Welt, in Paris oder in Halle, den Unterschied von Leben und Tod ausmachen kann, ob man vor oder hinter einer Tür steht.

          Benny Claessens, der Extremist der Selbstverkörperung, probt den permanenten Rollentausch von Täter und Opfer. Ist das Feuilleton vom Feinsten oder eher doch vom Gröbsten? Da man uns vielleicht Befangenheit unterstellt, wollen wir die Sache technisch betrachten. Mondtags Regiestil, als bildmächtig gerühmt, collagiert Requisiten aus dem medialen Fundus. Die Schauspieler fingieren die Improvisation; bei allem, was gemacht wird, hört man, dass es gemacht ist. Nichts kommt zur Sprache ohne Markierung der Sprecherposition.

          Die Gegenwart wird kommentiert im Medium einer mitlaufenden Kombinatorik, die den sozialen Medien Konkurrenz machen will. Aber wo die Mausfingerübungen der Verbreitung von Memes und Gifs mit dem Wahn des Weltalltags Schritt halten, da ist für jeden gespielten Bildwitz der Krafteinsatz sämtlicher Gewerke des Stadttheaters nötig. Und der unübersehbare Zeitaufwand macht dieses der Illustration des Vorübergehenden verfallene Theater von vornherein anachronistisch.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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