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Wuppertals neues Theater : Schnöde Müllerin

In Wuppertal soll das Theater einen neuen Auftritt haben. Aber kann es mit einer biedermeiernden Aufbereitung von Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ seine Unverzichtbarkeit demonstrieren?

          Es ist nicht leicht zu finden, das neue Theater am Engelsgarten in Wuppertal. Vom Opernhaus trennt es zwar nur ein kurzer Weg durch den Park, doch liegt es, abseits der Friedrich-Engels-Allee, versteckt im Hof des Historischen Zentrums. Und das ist vielleicht auch besser so, denn wie es aussieht, kann es sich schlecht sehen lassen: eine um- und angebaute Lagerhalle, die, eng vor eine Straßenböschung geklatscht, mit roten und dunkelgrauen Isolierplatten verkleidet ist.

          Die Gewerbearchitektur-Anmutung setzt ein viertelkreisförmiges Glasfoyer fort, das auch in einen Supermarkt führen könnte. In dieser Kiste muss, finanziert von einer Stiftung und dem rührigen Freundeskreis, das Theater der Stadt, die ihr modernes, 1966 eröffnetes Schauspielhaus im Zentrum verkommen lässt, sein Gnadenbrot fristen: „Wir haben nun endlich ein angemessenes Theater“, zitiert die Lokalzeitung den Oberbürgermeister, der von einem Kulturwunder spricht und die bequemen Sitze lobt.

          Doch auf den Inhalt kommt es an. Der neuen, aus Wien gekommenen Intendantin Susanne Abbrederis aber ist zum Auftakt nur eine halbszenische Aufbereitung von Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ eingefallen, mit dem sich das kleine Ensemble komplett vorstellt. Wie sich die drei Damen und sechs Herren biedermeierlich-adrett um einen Musiker am Flügel gruppieren, der – Schubertbrille, Koteletten – in der Maske des Komponisten auftritt, ergibt einen Abend, der sie weder darstellerisch noch gesanglich fordert.

          Unverzichtbarkeit zeigen

          Tragisch gepflegt bis verhalten neckisch ergehen sie sich in gefälligen Arrangements. Mit versatzstückhaften Requisiten wie einem ausgestopften Rehkitz, einem Blumenbeet, einem Turnpferd und Edelstahl-Eimern, die auch mal über den Kopf gezogen werden. Nur wenige Schritte hinter dem Haus, in dem der Textilfabrikantensohn Friedrich Engels aufgewachsen ist, und keine fünf Fußminuten von der Wupper entfernt, die Else Lasker-Schüler in ihrer „Arbeitermär“ als dunkelrot gefärbten Schicksalsfluss besingt, wird herzschmerzadrett und von keinem Marthaler-Virus inspiriert das Hohelied auf die Natur angestimmt und der rauschende Bach als tourismuswerbungshaftes Video eingespielt.

          Unverbindlicher und abgewandter von der Stadt, in deren Angelegenheiten es sich einmischen müsste, kann ein Theater nicht neu beginnen. Wo es darauf ankäme, dass das Schauspiel seine Unverzichtbarkeit beweist, führt es sich auf, als wollte es der Stadtspitze, die es, fast genau fünf Jahre ist es her, mit dem „Kann wegfallen“-Vermerk versah, bestätigen, dass es mehr als diese Nischenexistenz nicht verdient.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

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