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Wulffs Weihnachtsansprache : Alles, um wie die anderen zu sein

Irgendwie Anders: Wulff bei der Weihnachtsansprache
          3 Min.

          In einer großen Stadt, wo der Wind pfeift, lebt ganz allein mit seiner Frau und seinen Kindern ohne einen einzigen Freund Christian Wulff. Wie viele Leute verschickt Christian Wulff zu Weihnachten Weihnachtsgrüße. Aber Christian Wulffs Weihnachtsgrüße sind nicht wie die Weihnachtsgrüße der meisten Leute. Sie sind irgendwie anders.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die meisten Leute schicken zu Weihnachten Grüße an ihre Freunde und Geschäftspartner. Christian Wulffs Weihnachtsgrüße sind an Leute adressiert, mit denen er keine Freundschaft unterhält. Und geschäftliche Beziehungen schon gar nicht! Aber auch der Inhalt ist anders. Wer Weihnachtspost verschickt, berichtet gerne von seinen Lieben, erzählt, was die Frau oder der Mann und die Kinder im ablaufenden Jahr Schönes gemacht und gelernt haben. Auch Christian Wulff lässt sich unter dem Weihnachtsbaum fotografieren und sogar filmen. Aber er darf in seiner Weihnachtsbotschaft nichts Privates erzählen.

          Das gebietet der Respekt vor dem Amt, das erklärt, warum er ganz allein mit seiner Familie in der großen Stadt lebt, wo der Wind pfeift, und warum er nur selten in dem gemütlichen Haus ist, das er sich in einer anderen, nicht ganz so großen Stadt gebaut hat. Dort stehen viele andere gemütliche Häuser eng beieinander, und auch sonst ist das Klima milder.

          Die Schuldenkrise kommt vor, die Kreditaffäre nicht

          Dass Wulff durch sein Amt und durch die Haltung, in der er sein Amt ausübt, am Einflechten privater Betrachtungen in seine Festtagsgrüße gehindert ist, das sagen jedenfalls diejenigen, die für ihn in seiner amtlichen Eigenschaft sprechen. Daher erwähnte der Bundespräsident in der Weihnachtsansprache aus dem Schloss Bellevue, deren Aufzeichnung am Abend des ersten Feiertags im Fernsehen gesendet wurde, die „Staatsschuldenkrise“, aber nicht seinen bei einer staatlichen Bank zu bemerkenswerten Konditionen aufgenommenen Kredit. Und daher wandte er sich zwar namenlosen Spendern zu, die den „guten Ruf“ Deutschlands fördern, kam aber nicht auf die Krise des eigenen Ansehens zu sprechen.

          Nun ist ja im Zuge dieser Krise vor ein paar Tagen der Mann aus dem Amt entfernt worden, der den Worten des Präsidenten die amtliche Deutung hinzuzufügen hatte. Vielleicht gehört es zu den noch kaum zu überblickenden Folgen dieses Ereignisses, dass die Ankündigung, Christian Wulff werde in seinen Weihnachtsworten nicht über Privates reden, sich im Licht der tatsächlich gehaltenen Ansprache dann doch als Irreführung darstellt.

          Christian Wulff sprach Privates an, ja, er schilderte eine intime Szene: das abendliche Vorlesen am Bett seines Sohnes. Damit die Millionen Empfänger der Weihnachtsgrüße sich die Szene ausmalen konnte, gab er das Alter des Sohnes auf das halbe Jahr genau an. Die Verhinderung fremdenfeindlicher Mordserien, hatte Wulff gesagt, beginnt daheim, denn „auch von mir selbst“ hängt ab, „welches geistige Klima in meiner eigenen Familie“ herrscht. „Mein dreieinhalbjähriger Sohn freut sich, wenn ich ihm abends das Buch ,Irgendwie anders’ vorlese. Er schläft dann selig ein, weil er weiß, es ist gut, dass wir alle verschieden sind.“

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