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Jürgen Kaube (kau)

Wulffs Verlust : Boulewahrheit

  • -Aktualisiert am

Christian Wulff sind Haus und Frau abhandengekommen. Es ist, als wolle ihm die Personalabteilung der Gesellschaft mitteilen, was beim Verlassen des politischen Firmengeländes alles abzugeben sei.

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          Im Fall des Christian Wulff, dem nun Haus und Frau, um die sich alles drehte, abhandengekommen sind, verbieten sich Gattungsbezeichnungen wie Tragödie oder Trauerspiel. Denn es prallten in dieser Geschichte keine Weltordnungen aufeinander. Es wurde kein Konflikt aufgeführt, der sich nur durch Vernichtung eines Helden oder den Untergang großer irdischer Bestände hätte auflösen lassen. Auch die Ironie des Trauerspiels fehlte, dass Personen zerstören, was ihnen eigen ist, weil sie verblendet sind von dem, was sie sich vormachen. Genau so wie der Affekt fehlte, das unheilvoll entbrennende Gefühl, aus dem heraus sich eine ganze Fatalität entwickelt.

          Vielmehr wurde an der öffentlichen Person Christian Wulff durchbuchstabiert, was einem genommen werden kann, der so viel auf fast nichts und Ambition gegründet hat. Es kann einem dann nämlich fast alles genommen werden. In der jüngeren politischen Skandalgeschichte dürfte es nicht viele Fälle geben, in denen ein so großer Absturz sich bei einem so geringen Verbrauch an politischen, moralischen, ökonomischen, erotischen oder kriminellen Energien zutrug. Sonst hatte man doch immer irgendeine Leidenschaft, irgendeinen Riesenschwindel, eine blinde Passion oder rücksichtslose Loyalitäten im Spiel, spielten große Beträge, Hasard, Verruchtheit, Mafia oder Ideologie und Verrat eine Rolle. Entsprechend hatten die Schurken der Skandale am Ende stets auch noch etwas übrig, nämlich ihre Bosheit oder ihr Vermögen, ein über den Hinterausgang erreichbares anderes Milieu, den Genuss ihrer Memoiren oder das Ansehen bei anderen Gaunern. All das fehlt hier.

          An den Verlusten Wulffs ist allein spektakulär, dass sie so vollständig wirken. Es ist, als wolle ihm die Personalabteilung der Gesellschaft mitteilen, was noch alles er nicht sich selbst verdanke und was deshalb beim Verlassen des politischen Firmengeländes abzugeben sei. Das verweist auf den anderen Pol dieser Geschichte, jene Kanzlerin, die Wulff erhob, jene zeithistorische Personifikation der vollkommenen Skandallosigkeit also, skandalloser wohl als jeder vergleichbare Träger von Macht in der Geschichte des Landes, darin das genaue Gegenteil Wulffs, dem sie doch darin so merkwürdig ähnelt, dass auch bei ihr die Rechnung „Öffentliche Person minus Macht“ fast nichts ergäbe. Nur dass sie die Macht hat und keine Skandale und öffentlich niemals mit privat verwechseln würde und weiß, auf wie wenig sich fast alles gründet.

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