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Wulffs Medienkritik : Ende einer Hetzjagd?

Dem Amt den Rücken: Christian Wulff und seine Frau Bettina Bild: dpa

Christian Wulff ist zurückgetreten. Jetzt wird ein Schuldiger gesucht: Von einer Hetzjagd der Medien, die keine war und einem Präsidenten, der es sich selbst zuzuschreiben hat.

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          Wer hat Schuld am Rücktritt des Bundespräsidenten? Die Medien - so lautet die naheliegende Antwort. Christian Wulff hat sie in seiner kurzen Rede selbst angedeutet: „Die Berichterstattungen, die wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich verletzt.“ Die zweite Frage, die im Fernsehen zu Wulffs Rücktritt gestellt wird, lautet, ob die Bürger den Eindruck hätten, er werde von den Medien gehetzt. Mehr als vierzig Prozent sind dieser Meinung. Und auch in den Medien selbst ist da und dort von der „Hatz“ die Rede, von den unwürdigen Kleinigkeiten, mit denen die Presse an Wulff herangetreten sei.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch es ist der erste Punkt in den Umfragen, der zum Kern der Causa Wulff führt: Ist der Mann ehrlich, aufrichtig, glaubwürdig? Das glaubte zum Schluss nur noch eine verschwindende Minderheit. Und dafür haben nicht die Medien, dafür hat Christian Wulff selbst gesorgt. Die Sache kippte nach seinem Interview in ARD und ZDF, das sich in mehr als fünfzehn Punkten als korrekturbedürftig erwies. Zu viele Fragen blieben offen, vor allem diejenige, wie das Darlehen über eine halbe Million Euro für das Eigenheim zustande kam. Es war eben kein normaler Kredit der BW-Bank, wie Journalisten zunächst Glauben gemacht werden sollte, sondern ein Privatgeschäft mit - angeblich - der Ehefrau des Unternehmers Geerkens, zu dem Wulff, wie er als Ministerpräsident vor dem niedersächsischen Landtag sagte, keine geschäftliche Beziehungen unterhalten haben will.

          Nicht mehr als eine Bekanntschaft

          Das Paradeargument des einzig verbliebenen Wulff-Verteidigers Peter Hintze zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover, die der eigentliche Auslöser des Rücktritts sind, lautet, Wulff habe als Ministerpräsident im August 2009 mit grüner Tinte auf einer Akte, die von einem Bürgschaftsantrag des Filmproduzenten David Groenewold handelte, um „äußerste Zurückhaltung“ gebeten, „um jeglichen Anschein von Nähe zu vermeiden. Hier müsste, wenn überhaupt, genau hingeschaut werden.“ Doch wurde Wulffs Nachsatz vergessen, es gebe keinen Grund, von derlei Landesbürgschaften ganz abzusehen, dieser Rat des zuständigen Referats der Staatskanzlei sei „überzogen“ und „fundamental“. David Groenewold ist, wohlgemerkt, der Filmfinanzier, mit dem die Wulffs auf Sylt Urlaub machten, wozu dieser hernach die Quittungen einsammelte, und er ist auch der Mann, der ein Buch über Christian Wulff mit mindestens zehntausend Euro unterstützt hat. Die Beziehungen, die Wulff zu Groenewold unterhielt, sind es, welchen die Staatsanwälte nachgehen.

          Bei diesen wie bei vielen anderen Komplexen haben Journalisten die Erfahrung gemacht, von Wulff, vor allem aber von dem Sprecher Olaf Glaeseker - dessen wahren Rücktrittsgrund wir nicht kennen -, mit Teilwahrheiten abgespeist zu werden. Wer vor Jahren schon nach Groenewold fragte, bekam zu hören, es handele sich um eine lockere Bekanntschaft, nicht mehr. Dagegen aber spricht vieles, was man nicht verniedlichen und nicht auf Spielzeugniveau herunterspielen sollte. Die Geschichte mit dem Bobbycar, das ein Autohändler den Wulffs schenkte, war nur eine am Rande. Von ehrverletzenden Gerüchten über Bettina Wulff wiederum, die man bei einer Google-Suche im Internet sofort angezeigt bekommt, war, wenn wir es richtig überblicken, in der deutschen Qualitätspresse nirgends zu lesen, nicht einmal in der „Bild“-Zeitung. Blogs hingegen sind voll davon. Und hingedeutet darauf hat niemand anderes als Wulff selbst - in seinem Interview mit ARD und ZDF.

          Von angedeuteten Andeutungen

          Es gibt in der Berichterstattung zur Causa Wulff schon unglaubliche Volten. Das pfauenhafte Gehabe des „Bild“-Redakteurs Martin Heidemanns zum Beispiel, der mit den Wulffs nach Italien fliegt und schreibt, man habe den „Rubikon“ überschritten. Oder die Schlussfanfare des „Stern“-Trompeters Hans-Ulrich Jörges, der lange zu Wulff stand, sich in dieser Woche aber von dem „immer weniger verehrten“ Bundespräsidenten, der „keinen Arsch in der Hose“ habe, mit einem sich selbst maßlos überschätzenden „Aus“ verabschiedet.

          Nicht zu vergessen Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der „Zeit“, der sich in Wulff hinein fühlt und meint, die Bobbycar-Sache und die „schlüpfrigen Andeutungen über frei erfundene Begebenheiten“ seien „eine Affäre für sich“ - womit die Andeutungen wieder einmal angedeutet wären. Und dass der Publizist Hugo Müller-Vogg am Tag des Rücktritts bei ARD und ZDF erklärt, welchen moralischen Ansprüchen Christian Wulff nicht gerecht geworden sei, ist auch eine Pointe: Müller-Vogg hat das Wulff-Buch geschrieben, für dessen Bewerbung der notorische Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer heimlich rund 42.000 Euro bezahlte, wovon Müller-Vogg nichts wusste. Er hat auch seine Erfahrungen in der Causa Wulff gemacht.

          Es sind ohne Zweifel Pharisäer unter uns. Es gibt auch keinen Grund, zu jubeln. Doch eine Presse, die ihre Arbeit ernst nimmt, kann auf Recherchen und auf die entsprechenden Berichte und Kommentare nicht verzichten. Den Gegenstand dafür hat Christian Wulff produziert. Er hat sich politisch selbst zerstört.

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