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Wulffs Geheimnis : Amt und Kredit

  • -Aktualisiert am

Die Zeiten, in denen man öffentliche Ämter mit Geschenken kaufte, sind lange vorbei. Doch Christian Wulffs Umgang mit einem Privatkredit weckt Erinnerungen.

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          In jenen finsteren Zeiten, über die uns gelegentlich Kostümserien wie „Die Borgia“ im Fernsehen unterrichten, finanzierten Kandidaten für höchste abendländische Würden wie das Kaiser- und das Papsttum ihre Wahlkämpfe (die vor allem aus der großzügigen Ausschüttung von Bestechungssummen bestanden) nicht selten durch Kredite, die sie nach erfolgter Wahl aus den gefüllten Truhen ihrer neuen Ämter zurückzahlten.

          Auch Karl der Fünfte wurde ja 1519 in Frankfurt nicht Kaiser, weil er der tugendhafteste Bewerber war, sondern weil er die steinreichen Fugger an der Hand und deshalb die üppigsten Geschenke in seinem Sack hatte. Nun liegt es uns fern, unsere demokratische Epoche mit diesen Abgründen an Heuchelei und Korruption zu vergleichen, an denen sich höchstens ein Amoralist wie Friedrich Nietzsche rechtschaffen freuen konnte.

          Mehr als ein Karrierepolitiker

          Aber ein wenig borgiesk - das Wort sei erlaubt - wirkt es schon, wenn der amtierende Bundespräsident den Wechsel seines Kreditgebers wenige Monate vor seiner Wahl ins Amt als staatsbürgerliche Normalität ausgibt. Im Oktober 2008 hatte Christian Wulff, wie bekannt, bei der Frau seines Unternehmerfreundes Egon Geerkens einen Privatkredit über eine halbe Million Euro aufgenommen. Eineinhalb Jahre später verschwieg er, damals noch Ministerpräsident in Niedersachsen, seine Schuldnerschaft, als er im dortigen Landtag nach seinen Geschäftsbeziehungen zu Geerkens gefragt wurde.

          Wenige Tage später indessen ging er zur Stuttgarter BW-Bank und löste den Geerkens-Kredit, der noch fünf Jahre weitergelaufen wäre, durch ein offizielles Bankdarlehen ab. Drei Monate später wurde er Bundespräsident. Nun hat, wie man sieht, das eine mit dem anderen, das Geld mit dem Amt nicht direkt zu tun. Aber der deutsche Bundespräsident ist eben mehr als ein Karrierepolitiker, er ist, wie Kaiser und Papst im Mittelalter, der oberste Repräsentant des Staates und der Gesellschaft, denen er vorsteht. Seine Moral ist die Moral des Landes.

          Wenn er einen Kredit, der einen üblen Geruch hat, auf Nachfrage vertuscht, aber kurz darauf in aller Eile ehrbar gemacht hat, um beizeiten als Bundespräsident wählbar zu sein, fällt auf das Amt ein Schatten, den auch ein Tizian nicht als malerisch empfunden hätte. Nur als ästhetisches Phänomen sei das Dasein ewig gerechtfertigt, schrieb dessen Verehrer Nietzsche den Bankiers ins Stammbuch, und er dachte dabei auch an die Borgias, die Medici und die Habsburger, die mit ihrem erborgten Geld die Kunst der Renaissance finanzierten. Wulff kaufte statt dessen davon eine Familienvilla. Ist das etwa die Kunst, ein deutscher Bundespräsident zu werden?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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