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Wulff in Fukushima : Aus Trümmern Großes bauen

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Der Bundespräsident verabschiedet sich am Dienstag in Iwaki von Einwohnern, die aus der Zone um das Atomkraftwerk herum evakuiert wurden Bild: dapd

Der Bundespräsident wollte nach Japan reisen, um ein Jubiläum zu feiern. Doch wegen der Katastrophe von Fukushima hat seine Reise nun auch einen sehr ernsten Teil.

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          Zur Begrüßung des Bundespräsidenten in Fukushima haben sich 50 Evakuierte vor ihrem Container-Dorf eingefunden. Mit traurigen Gesichtern nicken sie, als der deutsche Gast ihnen Trost spendet und Anerkennung ausspricht. „Sie haben viel mitgemacht. Ich hoffe, dass sie bald Klarheit bekommen über ihre Zukunft.“ In der Notunterkunft der Gemeinde Hirono, die 25 Kilometer vom havarierten Kernkraftwerk Fukushima entfernt liegt, ist der Bundespräsident höchst willkommen. „Es waren schon viele Politiker in Japan, doch niemand ist zu uns gekommen“, sagt ein 82 Jahre alter Mann sichtlich ergriffen, der mit seiner Frau in der Notunterkunft lebt. Er bedankt sich mit einer tiefen Verbeugung.

          Eigentlich ist der Bundespräsident nach Japan gekommen, um 150 Jahre deutsch-japanischer Beziehungen zu feiern, aber weil das Jubiläumsjahr für Japan ein Katastrophenjahr wurde, wurde der sehr ernste Ausflug an die Küste Nordostjapans eingeplant. Er wolle ein Zeichen der Solidarität setzen, sagt Wulff. In Deutschland stünden viele an der Seite Japans, sie hätten ihr Mitgefühl mit Spenden und auf anderen Wegen bekundet. Nun hört der Bundespräsident zu.

          Die Bewohner des Containerdorfs erzählen bereitwillig ihre Geschichten. Viele haben ihre Häuser im Tsunami verloren, andere mussten nur wegen der Strahlungsgefahr ihre Heimat verlassen. Das Haus von Bauer Igari liegt in der Sperrzone um das Atomkraftwerk. Er klagt, dass niemand ihm sage, was dort überhaupt geplant werde. Das belaste ihn immer mehr. Zur Dekontaminierung müsste das beste Erdreich abgetragen werden - wie könne er dort je wieder etwas anbauen? Der Landwirt fragt, ob es denn keine besseren Methoden gebe, um die Gegend wieder bewohnbar zu machen. Herrn Igari fehlt nicht nur Hof und Land, auch vor allem die alte Gemeinschaft. „Wir waren eine so eng verbundene kleine Gemeinde, ob wir das je wieder aufbauen können?“

          Das Haus von Masuhito Nemoto liegt zwar außerhalb der 20-Kilometer-Zone, aber keine 30 Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Die Evakuierungsempfehlung für diese Zone hat die Regierung im September aufgehoben. „Wir wollen ja gern zurück“, sagt Herr Nemoto, „aber wir fühlen uns nicht sicher.“ Er hat sein Haus mehrmals abgewaschen und Erdreich abgetragen, die Strahlung sei dadurch zurückgegangen. Aber er zweifelt, ob das genug ist. „Es gibt so viele Zahlen. Die einen sagen, alles unterhalb von einem Millisievert pro Jahr sei sicher, andere setzen die Grenze bei 20, wieder andere bei 100 Millisievert.“ Die Regierung erläutere gar nichts. Wie würde denn in Deutschland so etwas gehandhabt, will der Japaner von Wulff wissen.

          Mit Tschernobyl lasse sich Fukushima nicht vergleichen

          Der Bundespräsident spricht vorsichtig. Auch in Deutschland wäre eine solche Situation schwierig, weil man einfach keine Erfahrungswerte hätte, sagt er. Der Fall ließe sich ja auch mit der Tschernobyl-Katastrophe nicht ganz vergleichen. Vor Studenten der Tsukuba-Universität hatte Wulff vorher gesagt, Fukushima habe gezeigt, dass man das Undenkbare denken müsse. Lieber verteilt Wulff Lob und Zuspruch. Er sei beeindruckt von den großen Anstrengungen beim Wiederaufbau, sagt er den Politikern. Er glaube an Japan, sagt er den Studenten. Er sei beeindruckt vom Zusammenhalt und der gegenseitigen Verantwortung in Japan, sagt er den Evakuierten. Nur ganz vorsichtig übt er Kritik: Der japanischen Regierung empfiehlt er größtmögliche Transparenz.

          Wulff ließ sich auch zeigen, wie der Tsunami im idyllisch gelegenen Küstenort Toyoma gewütet hatte. Dort sind nur noch Betonfundamente zu sehen, wo früher Häuser standen. Auch hier, außerhalb der Evakuierungszonen, hängt die Zukunft im Nebel. Die Gemeinde hat sieben Monate nach dem Tsunami noch nicht entschieden, ob sie das Dorf an gleicher Stelle wiederaufbauen oder sich dafür einen höher gelegenen Ort suchen soll. Einem neunjährigen Jungen schenkt der deutsche Bundespräsident ein Märchenbuch. Als Widmung schreibt er hinein: „Wo Steine im Weg liegen, kann man Großes bauen.“

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