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Wulff ehrt Friedrich den Großen : Das Streben nach Ehre

Bundespräsident Christian Wulff sitzt am Dienstag in Berlin während des Festaktes zwischen dem Ministerpräsidenten von Brandenburg, Matthias Platzeck und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit. Ganz rechts der Festredner Christopher Clark Bild: dapd

Bundespräsident Christian Wulff ehrt Friedrich den Großen: Das klingt nach viel Mailbox und wenig Glanz, war dann aber doch ein kurzweiliger Nachmittag. Auch wenn der Wunsch nach einem anderen Staatsoberhaupt hier und da nicht verstummen mochte.

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          Das letzte Mal, dass der Geburtstag des großen Preußenkönigs Friedrich II. mit Aplomb und staatsfeierlicher Zeremonie begangen wurde, liegt hundert Jahre zurück. Damals, am 24. Januar 1912, soll die Straße Unter den Linden und das Schloss über und über mit Flaggen geschmückt gewesen sein, es gab Feste, fürs Volk und für die Akademiker und solche fürs Militär, jede Menge Bücher zum Jubiläum, Reden und Souvenirs. Manches ist dieses Mal, zum 300. Geburtstag, ähnlich, nur fehlen die Flaggen und das Militär, dafür genießt der Jubilar inzwischen einen Status, den sonst nur Popstars erlangen.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Friedrichs Antlitz sei ein Markenzeichen geworden, sagte der Historiker Christopher Clark (Cambridge) am Dienstag nachmittag beim Festakt im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Er habe in Berlin inzwischen die Allgegenwärtigkeit von Coca-Cola. Das alles sei nicht neu, nicht einmal für die Neuzeit, denn spätestens seit 1986, seit Andy Warhol seine Siebdruck-Sequenz von Friedrich II. schuf, gehöre der Preußenkönig zu den Ikonen der Postmoderne.

          Clark hielt im Konzerthaus den Festvortrag, zu der Feier hatten die sozialdemokratischen Regierungschefs von Berlin und Brandenburg, Klaus Wowereit und Matthias Platzeck eingeladen. Ein Grußwort war Bundespräsident Wulff und dem Oberhaupt des Hauses Hohenzollern, Georg Friedrich Prinz von Preußen vorbehalten – der Prinz, Betriebswirt von Beruf, war auf dem republikanischen Programmzettel salopp als „Chef des Hauses Hohenzollern“ beschrieben.

          Der ganze Trubel hätte ihn entzückt

          Artig begrüßte der Regierende Bürgermeister Wowereit die Gäste, hob die berühmten darunter hervor und hätte fast die zahlreich erschienenen Mitglieder des „Hauses Preußen“ vergessen. So geläufig sind Feiern für einen Monarchen in der Hauptstadt der Republik denn doch nicht. Aber, so wieder der Hauptredner Christopher Clark, es hätte den König entzückt, der ganze Trubel um seine Person, und die Tatsache, dass der Präsident einer vereinigten deutschen Republik dabei sei, hätte ihn zwar stutzen lassen und nach historischer Erklärung verlangt, aber mehr auch nicht.

          Festredner in Berlin war der Historiker Christopher Clark aus Cambridge

          Es war ein kurzweiliger, angenehmer Nachmittag, an dem die Redner noch einmal wiederholten, was nun fast jeder wissen darf über Preußens größten König. Der Berliner Bürgermeister rühmte die Toleranz, vor allem die religiöse, der friederizianischen Zeit, und das Stadtbild, das nun demnächst sein Schloss, als Humboldtforum, wieder bekommen soll. Wowereit verstieg sich gar zur Vermutung, dass der Plan, dieses Schloss mit Werken der „außereuropäischen Kulturen“ zu füllen, dem „weltläufigen Monarchen ganz gewiss gefallen“ hätte. Der Geburtstag Friedrichs sei für Berlin der Beginn eines Gedenkjahres für 775 Jahre Stadtgeschichte, das den Schwerpunkt Migration haben werde, weil sie „das Wachsen und Werden unserer Stadt über die Jahrhunderte geprägt“ habe.

          Der Bundespräsident klang etwas schulmeisterlich, empfahl, die Welt von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten, dieses Jubiläumsjahr zur „Selbstreflexion“ zu nutzen und dies der Jugend zu vermitteln. Er sprach von „Liebe zum Vaterland“ und dem „Streben nach Ehre“ in der Lesart Friedrichs II. und dass wir heute anders fühlen und handeln. Es klang alles gut und richtig und doch ein wenig hohl.

          Der Bundespräsident grüßt

          Nur war das halt nicht dem Anlass geschuldet, sondern des Bundespräsidenten eigener Art der „Selbstreflexion“, was die Gäste höflich hinnahmen. Nur hinterher, beim Empfang, war dieses und jenes leise Murren zu hören und der Wunsch nach einem anderen Staatsoberhaupt als dem gegenwärtigen.

          Fulminant wie immer war Christopher Clarks Vortrag über die sich den Bedürfnissen der jeweiligen Zeit anpassende Sicht auf den König und seine Zeit und Friedrichs eigene historische Texte, „Meisterleistungen bis heute“. Er schloss mit einem Zitat aus dem politischen Testament des Königs aus dem Jahr 1752. „Als Träger der höchsten Staatsgewalt habe ich die Gelegenheit und die Mittel gehabt, mich meinen Mitbürgern nützlich zu erweisen. Meine Liebe zu ihnen gibt mir den Wunsch ein, ihnen auch nach meinem Tode noch einige Dienste zu leisten. Zwar bin ich nicht so anmaßend, zu glauben, daß mein Verhalten denen, die meinen Platz einnehmen werden, zur Richtschnur dienen soll. Denn ich weiß, daß der Augenblick des Todes den Menschen und seine Pläne vernichtet und daß alles in der Welt dem Gesetz des Wandels unterliegt.“
           

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