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Asyl in Brandenburg : Die Waldstadt Wünsdorf

Muslimische Kriegsgefangene turnen vor der Moschee im „Halbmondlager“, um 1916 Bild: Foto Frobenius Institut Frankfurt

In Wünsdorf im Süden von Berlin wurden 1915 Muslime im „Halbmondlager“ gefangen gehalten, die Nationalsozialisten bauten eine Bunkerstadt – jetzt soll hier eines der größten Lager für Asylbewerber in Deutschland entstehen.

          Der Einmarsch der Wehrmacht in Polen kostet 9,99 Euro. Dafür bekommt man vier deutsche Soldaten mit Stahlhelmen und Gewehren und einen polnischen Zaun, im Maßstab 1:35, in einer Schachtel des Modellherstellers Faller. Ein Aufkleber weist darauf hin, dass es sich nicht um Spielzeug handelt: Die Figurenbox „Wehrmacht Offensive, Poland 1939“ aus der Serie „Warriors in Combat“ wird vom Hersteller „empfohlen für Modellbauer und Sammler ab 14 Jahren – aufgrund vorbildgerechter Gestaltung sind Spitzen, Kanten und Kleinteile vorhanden“, die liebevoll nachgebildeten Wehrmachtsoldaten sind nichts für Kinder, sie könnten sich an den kleinen Maschinenpistolen verletzen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Modellfigurenset kann man in Wünsdorf bei Zossen in Brandenburg in einem Militaria-Laden kaufen, der olivgrüne Stahlhelme und alten DDR-Trödel verkauft und Bücher, im Regal stehen unter anderem das Werk „Geheimakte Mossad – die schmutzigen Geschäfte des israelischen Geheimdienstes“, ein Fachbuch über „die wichtigsten Pistolen und Revolver seit 1850“ und Joachim Fests Biographie von Albert Speer.

          Der war öfter hier auf dem Gelände – denn in Zossen, vierzig Kilometer südlich von Berlin, wo die heute allen Ernstes so genannte „Bunker- und Bücherstadt Wünsdorf“ liegt, wurde ab 1937 eine der größten Bunkeranlagen des Dritten Reichs gebaut: ein hundert Meter langer Stollen, die Nachrichtenzentrale „Zeppelin“, die unterirdisch mit der Anlage „Maybach I“ verbunden war, dem Stabsquartier der obersten Heeresleitung, das von oben als Landhaussiedlung getarnt war. Von hier aus wurde der Überfall auf Polen gesteuert. In den Bunkern von Wünsdorf liefen ab dem 25. August 1939 alle Fernmeldeverbindungen zusammen: Wünsdorf war das Nervensystem der Wehrmacht.

          Wärmegedämmte Straßendörfer

          Nach Wünsdorf fährt man, von Berlin kommend, eine knappe Stunde, über Mittenwalde und Zossen, durch Alleen und über Felder, durch frisch wärmegedämmte Straßendörfer, vorbei an der postwendeüblichen Mischung aus überdimensionierten Tankstellen und Autohäusern am Ortsrand, bei Opel steht in Rot der neue Kleinwagen mit dem sehr deutschen Namen Karl, an der Tankstelle läuft MDR Jump, sie spielen den Ost-Sommerhit des Jahres 2006, das auf sächsisch vorgetragene Reggaelied „Der Sommer ist für alle da“ des Leipzigers Ronny Trettmann. Sein neuer Song heißt „No pegida“, den spielen sie nicht.

          Ein Hochbunker der Bauart Winkel - Winkelturm - in der Waldstadt Wünsdorf, Brandenburg

          Dann kommt man nach Wünsdorf. Die Straße führt in einen dichten Mischwald, dort steht das Schild „Waldstadt“, Stadt Zossen, Landkreis Teltow Fläming. Dahinter umgebaute Kasernen und Kommandantenhäuser, ein Schild wirbt für „Wohnen im Grünen, Hausverwaltung Ramona Sickert“, ein anderes für die „Bücherstadt“ Wünsdorf, mit dem Bücherstall will man die alten Geister loswerden, Bildung für alle, aber die seltsamen spitzen, raketenförmigen Hochbunker sind noch da:

          Sie stehen überall zwischen den Kasernen, die man irgendwann, nachdem die Mauer gefallen war, mit billigen Stahlbalkonen dekoriert und in deprimierenden Gelbtönen angemalt hat, damit sie als Wohnpark durchgehen. Wenn man ein paar Ecken weiter in den Wald fährt, stehen da noch unrenovierte Kasernen und Nebengebäude im abblätternden Grau, und das alte Kopfsteinpflaster aus der Nazizeit schaut unter dem bröckelnden DDR-Teer hervor.

          Zündelnde Rechtsradikale

          Vor einigen Monaten wurde überall über die Waldstadt berichtet – erst weil Brandenburgs Innenminister Kar-Heinz Schröter hier im alten Verwaltungskomplex B eine Erstaufnahmeeinrichtung für über tausend Asylbewerber plante, und dann, weil zwei Rechtsradikale am 16. Mai diesen Komplex angezündet hatten: Als Warnung an die, die da kommen sollen.

          Die Täter waren einer Polizeistreife aufgefallen. Als sie mit ihrem Auto flüchten wollten, fuhren sie sich in einem Sandhaufen fest. In dem Wagen fand man polnische Feuerwerkskörper, Brandbeschleuniger und zwanzig Plakate mit fremdenfeindlichen Parolen.

          Es ist eine der bösen Pointen der Geschichte, dass es zu diesen Anschlägen ausgerechnet hier kam, an genau dieser Stelle in Wünsdorf, wo genau vor hundert Jahren, im Sommer 1915, Ausländer – Muslime zu großen Teil – nicht mit Brandsätzen, sondern mit einer eigens für sie errichteten Moschee begrüßt wurden, obwohl das eine Freundlichkeit mit bösen Hintergedanken war.

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