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Asyl in Brandenburg : Die Waldstadt Wünsdorf

Wo heute die Waldstadt liegt, baute man damals, im ersten Weltkrieg, das sogenannte „Halbmondlager“ für die muslimischen Kriegsgefangenen aus Indien und Afrika, die auf Seiten der Briten und Franzosen an der Front kämpften. Bis zu dreißigtausend Muslime waren bei Zossen interniert – und weil der Sultan des osmanischen Reichs, das mit dem deutschen verbündet war, zum Dschihad gegen die Kolonialherren aufgerufen hatte, versuchten die Deutschen, in diesem Lager die muslimischen Soldaten davon zu überzeugen, die Seiten zu wechseln und gegen ihre Kolonialherren zu kämpfen.

Das erste Terrorcamp

Im „Halbmondlager“ präsentierte sich das Deutsche Reich als Freund des Islam, weswegen man im Sommer 1915 eigens eine aufwändige Holzmoschee mit Minarett einweihte, den Ramadan achtete und das Essen erst nach Sonnenuntergang ausgab: Soviel Anpassung an muslimisches Leben gab es von staatlicher Seite in Deutschland nie wieder, und natürlich war sie rein strategisch bedingt:

Genau genommen war das „Halbmondlager“ das erste staatlich organisierte Terrorcamp der Welt: Hier wurden Muslime im Namen des Dschihad zu Terroristen ausgebildet, die nach ihrer Freilassung hinter der Frontlinie auf dem Gebiet des Feindes Sabotageakte und Anschläge verübten und den Deutschen den Weg ebnen sollten: Von Wünsdorf aus sollte die Welt erobert werden – im ersten Weltkrieg mit preußisch instruierten Dschihadisten, im Zweiten Weltkrieg mit einem unterirdischen Monstergehirn, in dem alle Informationen zusammenliefen.

Über der Erde wurden währenddessen neue Hochbunkertypen gebaut – dort, wo bis 1924 das Minarett der Moschee wie eine Rakete in den Himmel ragte, entstanden ab 1937, wie als seltsames Echo dieser Form, die sogenannten Winkelbunker, eine Erfindung des Duisburger Ingenieurs Leo Winkel, der diesen Typus schon 1934 patentiert hatte.

Seine Idee war einfach: Ein kastenförmiger Bunker mit flachem Dach bietet mehr Angriffsfläche für fallende Bomben als selbst ein granatenförmiger Betonturm, an dessen Spitze die Bomben abgleiten und deswegen erst auf dem Boden explodieren. Außerdem, so Winkel, könne man seine „absolut bombensicheren“, zweihundert Menschen fassenden Schutzzylinder in Friedenszeiten als Wasserturm nutzen.

Die immobile Rakte

Formtheoretisch betrachtet sind die raketenförmigen Bunker ein interessantes Echos des Dings, das ihre Zerstörung im Sinn hat. Die Form, die die Rakete perfekt fliegen lässt, sorgt dafür, dass der Bunker, die immobile Rakete, bleibt, wo und wie er ist:

Das defensive Objekt imitiert die Form des angreifenden Objekts, der Bombe oder Rakete, es betreibt eine seltsame Form von Mimikri: Die große Betonbombe annulliert durch ihre Form die Wirkung der herannahenden Metallbombe, die Formen von Angriff und Verteidigung werden identisch.

Bei ersten Tests Mitte der dreißiger Jahre wurde die Belastung des Gehörs der Insassen des Winkelbunkers moniert. Nachdem deutsche Sturzkampfbomber einen Prototypen mehrfach gar nicht trafen, wurde eine Bombe an der Außenseite befestigt und per Fernzünder in die Luft gejagt. Vorher hatte man Ziegen in den Bunker getrieben.

Kriegsgefangene um 1916 im „Halbmondlager“

Sie waren hinterher fast alle taub. Daraufhin wurden die Wände verstärkt. Weil man aber Stahl zum Bau von Kriegsgerät brauchte, wies das Reichsluftfahrtministerium Winkel an, Türme mit weniger Stahlarmierungen zu bauen. Bei einem Wettbewerb der „Fachgruppe Bauwesen des Nationalsozialistischen Bundes Deutscher Technik“ wurde Winkels Vorschlag 1940 unter tausend Entwürfen prämiert.

In Zossen entstanden neunzehn Winkel-Bunker, von denen heute noch einige erhalten sind. Sie stehen wie surreale graue Pilze zwischen den gelb gestrichenen Wohnblocks, eigenartige, obszöne Erektionen des Dritten Reichs unter der Decke pastellfarbener Wohnparkheiterheit.

Nebenan wird versucht, mit dem „Denk-Mal Zivilcourage“ gegen Zossens Ruf als rechtsextreme Hochburg anzugehen, zwischen diesem sogenannten Denk-Mal und dem Militaria-Laden gibt es ein Antiquariat, davor steht eine Kiste mit alten Schallplatten: Nana Mouskouris „Weiße Rosen aus Athen“, das 1978er Album „Bitte tanz mit mir“ der DDR-Sängerin Monika Herz, die LP „Amiga Express“ mit den erfolgreichsten DDR-Schlagern des Jahres 1972, die größten Hits heißen „Du hast wohl Langeweile“ und „Einmal fang ich Dich ein“.

Im Laden daneben kann man eine Dokumentation über den Mauerbau kaufen. Und hinter allem ragt stumm das fensterlose graue Ding in den Himmel, Winkels Raketenbunker, der dort, wo einst einmal eine Moschee stand, die Asylanten, die hier bald kommen sollen, wie ein Fingerzeig aus den Tiefen der deutschen Vergangenheit begrüßen wird.

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