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Glosse zur Übersetzung : Ein grudvoller Wert

Sind Übersetzungsprobleme in den Zeiten des Internets geklärt? - Im Faltblatt der Kirche von Possagno macht dies nicht den Anschein. Bild: Picture-Alliance

Sollte es in Zeiten des Internets nicht geradezu lächerlich einfach sein, einen kurzen Informationstext zu übersetzen? Weit gefehlt!

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          Jetzt jammern wir wieder mal über Italien, aber was hat das Land uns Deutschen nicht alles geschenkt? Das römische Recht, Canossa, Dante, die Renaissance, die Gegenreformation, den Manierismus, Zitronen, Spaghetti, Pizza, den Catenaccio. Die letzten drei Phänomene sind sogar in unsere Sprache eingegangen, als Lehnwörter von unerhörtem Wohlklang. Doch linguistisch hat es sein Bewenden damit noch lange nicht: Jahrzehntelang erfreuten uns deutsche Übersetzungen italienischer Speisekarten („Creme frech“) und touristischer Broschüren („Die halbukugelige Kuppel stützt auf einem Gesim mit goldenen Friesen und ist mit 224 Umrahmungen dekoriert, die je eine goldige Holzrose in 14 verschiedenen Formen enthält“). Keiner lache da! Wir Deutschen bekämen es auf Italienisch ja nicht etwa besser hin, nur will kein stolzer Italiener etwas über deutsche Sehenswürdigkeiten erfahren, also müssen wir auch nichts übersetzen.

          Doch in den Zeiten des Internets hielten wir die generelle Problematik eigentlich für geklärt. Weit gefehlt, wie die eben zitierte Passage aus einem vergangene Woche für 1,50 Euro in der Dorfkirche von Possagno erworbenen Faltblatt beweist. Wobei „Dorfkirche“ eine Beleidigung ist für den Bau, den kein Geringerer als der berühmteste Possagnoler, der Bildhauer Antonio Canova, Liebling sowohl der Götter als auch Napoleons und berühmt in ganz Europa, kurz vor seinem Tod 1822 persönlich noch konzipiert hatte: als eigene Grablege und Pfarrkirche seiner Heimatgemeinde.

          Herr Duden, bitte übernehmen Sie!

          Dieses architektonische Pastiche aus Parthenon und Pantheon ist jeden Umweg wert, und deshalb liegt das Faltblatt darin auch in vier verschiedenen Sprachen aus: auf Italienisch, Englisch, Französisch und Deutsch. In letzterer Sprache lautet der abschließende Satz nach der Schilderung der postumen Fertigstellung des Gebäudes mit Blick auf Canova: „Das hatte für ihn einen grudvollen Wert.“ Aha. Nun sind wir Deutschen bekanntermaßen polyglott und verstehen andere Sprachen bisweilen leichter als die eigene, also lesen wir in den drei anderen Versionen nach.

          In der italienischen und französischen fehlt der letzte Satz ganz, in der englischen spricht er vom „high mind“ Canovas, der sich in diesem Kirchbau artikuliere. „Grudvoll“ scheint ungeachtet seines düsteren Klangs also positiv gemeint sein. Die versuchsweise Ersetzung einzelner Buchstaben, um etwaige Verwechslungen rückgängig zu machen, ergibt keine schlüssige Lösung: „grud“ ist weit weg von allem. Also nehmen wir den Begriff ernst und in den deutsche Sprachschatz auf, kontextbedingt als ein Adjektiv mit der Bedeutung würdevollen Zufriedenseins. Danke, Possagno, danke Italien! Herr Duden, bitte übernehmen Sie. Das hätte für uns einen grudvollen Wert.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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