https://www.faz.net/-gqz-7j1kt

Woody Allen im Gespräch : Ein seltsames, seltenes Talent

  • -Aktualisiert am

Woody Allen, 77, während der Dreharbeiten zu „Blue Jasmine“ Bild: Sunset Box/Laif

Er bleibt auch weiterhin produktiv: Woody Allen über seinen neuen Film „Blue Jasmine“, seine Hauptdarstellerin Cate Blanchett und andere Kleinigkeiten - wie etwa die, fünfzig Witze pro Tag zu schreiben.

          7 Min.

          Ihr neuer Film ist ein Drama, eher tragisch als komisch. Die Hauptrolle sollen Sie schon mit Cate Blanchett im Sinn geschrieben haben . . .

          Ich habe angefangen, ohne an jemand bestimmten zu denken, aber ab der Mitte dachte ich irgendwann, Himmel, das wird aber eine schwierige Rolle, wer könnte die wohl spielen - und da fiel mir Cate Blanchett ein. Sie ist eine von ganz wenigen Schauspielerinnen, die großartig genug sind, diesen Charakter wirklich verkörpern zu können. Ich hatte dann riesiges Glück, dass sie Zeit hatte.

          Sie bringt etwas unerwartet Abgründiges und Tragisches in einen Woody-Allen-Film. Ich habe mich beim Sehen gefragt, ob das im Drehbuch so angelegt war oder ob der Film mit einer anderen Hauptdarstellerin möglicherweise ganz anders geworden wäre, leichter?

          Nein, nein. Es war so geschrieben, es wäre mit jeder Schauspielerin etwas fürs schwere Fach gewesen, das war schon im Drehbuch ersichtlich. Meistens mache ich leichte Filme, aber immer mal wieder mache ich dann einen sehr ernsten wie „Interiors“ oder „Match Point“ oder „Another Woman“, und das jetzt war wieder so einer. Jede Schauspielerin, die ich besetzt hätte, hätte die Rolle so spielen müssen. Die Geschichte ist heavy. Es sind ein paar Lacher drin, aber die Geschichte ist nicht gerade amüsant.

          Cate Blanchett erzählt in Interviews, nach dem ersten Drehtag hätten Sie zu ihr gesagt: „Es ist fürchterlich, es ist fürchterlich.“ Wissen Sie noch, warum?

          Ich weiß Folgendes: Bei jedem Film, den ich je gedreht habe, drehe ich den ersten Tag immer noch einmal. Der erste Drehtag ist immer ein Desaster. Bis Schauspieler und du exakt auf die Wellenlänge der Rolle kommen, kann man eigentlich nichts machen. Das dauert für gewöhnlich ein bis drei Tage, und dann macht es klick. Aber am ersten Drehtag denke ich jedes Mal, ach, das klappt nicht, es ist fürchterlich. Ich werde dann immer ganz mutlos. Und dann drehen wir den ersten Tag noch mal. Es dauert halt immer, bis man alles zusammenbekommt.

          Es heißt ja oft, es sei leichter, ein Drama zu machen als eine Komödie. Wie sehen Sie das?

          Es ist sehr schwer, dramatische Sachen zu machen - genauso schwer wie eine Komödie. Es ist nur so, dass es mehr Menschen gibt, die ernste Sachen machen können als heitere. Nicht so viele Leute können Komödien.

          Stimmt es, dass Sie früher bis zu fünfzig Witze am Tag geschrieben haben?

          Ja. Das war ganz leicht. Ich ging noch zur Schule, und die war so gegen 13 Uhr fertig, und ich lebte in Brooklyn, und mein Job als Witzeschreiber war in Manhattan. Also bestieg ich den Zug, nahm Papier und Stift in die Hand, und bis ich ankam - es war eine etwa 45-minütige Fahrt -, hatte ich zwanzig Witze geschrieben. Wenn man das kann, ist es überhaupt nicht schwierig. Im Büro hab’ ich dann noch mal zwanzig oder dreißig Witze geschrieben. Das klingt viel - und wenn man dafür kein Talent hat, wird es ein Jahr dauern, bis man einen einzigen geschrieben hat, aber wenn man es kann, ist es nichts.

          Was ist die Technik? Sie haben mal gesagt, man müsse für einen Witz zuerst das Ende haben - und erst danach den Aufbau schreiben.

          Es gibt keine Technik. Es ist ein Instinkt.

          Ja, aber wie fangen Sie an? Sie denken sich ein Thema aus - und spielen dann damit?

          Sie können sich ein Thema ausdenken, oder Sie können die Zeitung durchlesen, und nach einer halben Stunde Zeitungslektüre haben Sie zwanzig Witze. Vorausgesetzt, Sie können das.

          Sie können es mir also nicht beibringen - das ist eher ein Talent, keine Technik?

          Es ist ein seltsames, seltenes Talent. Und ich hatte Glück. Denn ich war nicht gut in der Schule, aber ich hatte dieses Talent. Und das hat es mir ermöglicht, zu arbeiten.

          Kennen Sie Schreibblockaden?

          Ich hatte noch nie eine. Als ich angefangen habe zu schreiben, habe ich zunächst ein paar Jahre fürs Fernsehen gearbeitet. Und damals war die Show live, ich meine wirklich live. Wir mussten Montag früh ins Büro, die Show lief Samstagnacht, man konnte sich keine Schreibblockade erlauben, denn das ganze Land würde zugucken. Du konntest nicht herumsitzen und auf Inspiration warten, du musstest etwas aufs Papier bringen. Und wenn dir nicht die perfekte Sache einfiel, dann schriebst du eben die zweit- oder drittbeste Sache. Ich kann das. Wenn mir nichts einfällt, dann lasse ich mir etwas einfallen.

          Sie machen sich im Laufe eines Tages viele Notizen, oder?

          Wenn ich eine Idee habe, schreibe ich sie sofort auf. Sonst vergesse ich sie.

          Was war das Letzte, das Sie sich notiert haben?

          Ich habe ein paar Notizen gemacht für einen Freund, der eine Rede halten muss und dafür ein paar Witze braucht. Es ist eine große Sache, gute Pointen in Reden zu haben, und er ist mein Freund, also habe ich mir gestern, während ich mit meiner Schwester telefonierte, ein paar Sachen notiert. Als wir aufgelegt haben, hatte ich zehn Witze fertig. Das ist einfach etwas, das ich kann.

          Erinnern Sie sich eigentlich an alle Ihre Filme? Sie drehen ja jedes Jahr einen, inzwischen haben Sie bei 49 Filmen Regie geführt.

          An Filme, die ich vor zehn, fünfzehn Jahren und früher gemacht habe, erinnere ich mich nicht. Ich sehe sie mir nie wieder an, nachdem sie fertig sind, also vergesse ich sie. Manchmal sprechen mich Leute auf der Straße an und zitieren irgendeinen Satz aus einem Film von mir, weil sie nett oder charmant sein wollen, und ich habe keine Ahnung, wovon sie reden, weil ich mich nicht erinnere.

          Sie machen so viele Filme, dass die Leute sie einzuteilen pflegen in gute und nicht so gute Woody Allens. An welcher Stelle merken Sie selbst, ob ein Film gelungen ist? Beim Drehen? Im Schnitt? Jahre später?

          Das hängt davon ab, was Sie unter gelungen verstehen. Ein Film, den ich für gelungen halte, wird von der Öffentlichkeit nicht unbedingt auch so gesehen und umgekehrt.

          Ist es Ihnen denn wichtig, was die Öffentlichkeit denkt?

          Wenn ich zu Hause eine Idee habe und sie wundervoll finde und aufschreibe und verfilme und den fertigen Film dann ansehe und denke, mein Gott, diese Idee, die ich in meinem Zimmer hatte, ich habe sie aufgeschrieben, und hier, jetzt ist sie genau perfekt exakt so geworden, wie ich es mir vorgestellt hatte - wenn das der Fall ist, dann ist es mir egal, was andere denken. Die Zuschauer mögen es hassen oder gut finden, es ist nicht wichtig für mich. Ich werde es noch nicht einmal erfahren, denn es interessiert mich nicht. Für gewöhnlich aber bin ich von meinen Filmen enttäuscht. Ich habe eine großartige Idee oder jedenfalls etwas, das ich dafür halte, und dann sehe ich den Film und denke, ach, was habe ich nur falsch gemacht, ich habe so viele Fehler gemacht, das taugt nichts, dabei war die Idee doch so gut, und ich habe so ein Schlamassel daraus gemacht . . .

          Mit Cate Blanchett am Set von „Blue Jasmine“: Für seinen neuen Film hat Woody Allen wieder große Namen gewinnen können. Neben der australischen Oscar-Preisträgerin sind unter anderem Alec Baldwin und Peter Sarsgaard zu sehen

          Halten Sie „Blue Jasmine“ für gelungen?

          In vielerlei Hinsicht ja, aber dieser enorme Enthusiasmus, den er hervorruft, überrascht mich doch. Ich hatte das Gefühl, dass es ein wirklich anständiger Film ist, aber ich war nicht vorbereitet auf die enormen Reaktionen, die er bekommt. Genauso wenig wie ich es bei „Midnight in Paris“ war. Oder „Manhattan“. Als ich den vor vielen Jahren abgedreht hatte, mochte ich ihn gar nicht. Ich hielt ihn für eine Katastrophe. Er war mir peinlich. Als er in Amerika in die Kinos kam, bin ich extra nach Frankreich geflohen, weil ich nicht in der Nähe sein wollte. Und heute läuft er immer noch in Kinos.

          Haben Sie die Dokumentation über Sie gesehen, die letztes Jahr herauskam?

          Ja, ich hab’ sie mir endlich angeguckt. Einiges daran war sehr nostalgisch für mich. Es hat Erinnerungen wieder hochgebracht. Meine Kindheit.

          Sie mögen Nostalgie nicht so gerne, oder?

          Doch, das ist das Problem. Es ist eine Falle. Es ist so leicht, in Nostalgie hineingezogen zu werden. Das ist eine sehr angenehme, verführerische Falle.

          Die lustigste Stelle in der Dokumentation war, als der Schauspieler Owen Wilson über Sie sagte, Sie seien am Set immer sehr emotional. Sie würden oft Leute umarmen und Ihre Gefühle zeigen. Dann lachte er, lange.

          Ah? Er meinte das als Witz.

          Viele Schauspieler, die mit Ihnen gearbeitet haben, äußern sich anschließend irritiert darüber, dass Sie nie loben und offenbar überhaupt nur wenig sagen. Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Schauspielern beschreiben?

          Als sehr professionell und freundlich. Die Schauspieler mögen mich, und ich mag die Schauspieler, aber ich esse nicht mit ihnen zu Mittag, ich esse nicht mit ihnen zu Abend, ich umarme und küsse sie nicht. Aber sie kommen, ich bin sehr nett und unterstützend zu ihnen, und wir machen unseren Job. Es ist ein Job. Wenn sie mich für irgendwas brauchen, können sie mich immer fragen oder mit mir sprechen, aber ich verkehre nicht privat mit ihnen.

          Sie haben vor kurzem selbst mal wieder als Schauspieler gearbeitet - in John Turturros „Fading Gigolo“. Darin spielen Sie John Turturros Zuhälter.

          Es ist eine kleine Rolle. John Turturro hat das Drehbuch geschrieben und auch Regie geführt. Ich habe keine Ahnung, wie der Film geworden ist, aber es hat Spaß gemacht, mal nicht die ganzen Probleme des Regieführens zu haben, sondern diese Probleme einfach ihn haben zu lassen.

          Wie sind Sie als Schauspieler - was erwarten Sie von einem Regisseur?

          Ich mache am liebsten mein eigenes Ding, und ich lasse Schauspieler auch immer ihr eigenes Ding machen. Ich bin sehr locker mit Schauspielern. Ich sage ihnen immer, wenn ihr den Text ändern wollt: ändert ihn! Wenn ihr etwas nicht sagen wollt: sagt es nicht! Wenn ihr etwas anderes sagen wollt: sagt etwas anderes! Tragt die Kleidung, die ihr tragen wollt. Ich bin da ganz locker. Und als Schauspieler bin ich auch so. Ich mag es, mir den Text so zu gestalten, dass es meine eigenen Worte werden. Und die Regisseure erlauben das auch immer, weil sie wollen, dass die Schauspieler sich wohlfühlen.

          Wenn man sich all Ihre Filme so ansieht, fällt auf, dass Sie unglaublich viele interessante Rollen für erwachsene Frauen geschrieben haben. Nicht wenige Schauspielerinnen verdanken Ihnen einen Oscar. Macht es Ihnen mehr Spaß, Frauenrollen zu schreiben?

          Ja.

          Warum?

          Es macht einfach mehr Spaß. Ich genieße auch die Gesellschaft von Frauen mehr, ich arbeite immer mit weiblichen Cuttern, meine Presseagentin ist eine Frau, meine Produzentin, ich bin umgeben von Frauen, ich bevorzuge ihre Gesellschaft. Ich bin entspannter in Gegenwart von Frauen. Was seltsam ist, denn in meiner Kindheit war meine Mutter sehr streng und barsch. Sie war der harte Boss. Nett, aber sehr streng. Mein Vater war entspannt und angenehm und nahm mich zu Baseballspielen mit. Aber aus irgendwelchen Gründen bevorzuge ich eben die Gesellschaft von Frauen, und es macht mir Spaß, für sie zu schreiben. Sie sind gefühlvoller, verletzlicher, komplexer - jedenfalls kommt es mir so vor. Männer, wissen Sie, sind mehr geradeaus oder zeigen sich weniger, sie zeigen ihre Gefühle nicht so leicht, sie schämen sich oft für sie - Frauen haben weniger Hemmung, Gefühle zu zeigen, also macht mir das mehr Spaß.

          Sie haben mal gesagt, dass Sie die Rollen, die Sie für Frauen schreiben, am liebsten selbst spielen würden.

          Ja. Ich denke immer, ach, wenn ich nur Cates Rolle spielen könnte, oder Scarletts oder Diane Keatons - ach, das würde so viel Spaß machen! Aber das geht natürlich nicht.

          Scarlett Johansson sagte neulich in der „New York Times“ über Sie, Sie glaube, Sie, Woody Allen, wären tief in Ihrem Herzen am glücklichsten gewesen, wenn Sie als klassische Operndiva auf die Welt gekommen wären. Irgendeine Ahnung, was sie meint?

          Das hat sie gesagt?

          Sie sagte, Sie würden leben für Drama, Klatsch, Intrigen, Liebeskummer, Aufregung . . .

          Ja, solange es jemand anderem passiert. Ich führe ein sehr langweiliges Mittelklasseleben, aber ich habe es gern, wenn anderen Menschen aufregende Dinge passieren. Ich möchte nur nicht darin verwickelt sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mitarbeiter vom Bayerischen Roten Kreuz nehmen an einem Corona-Testzentrum an der Autobahn 8 (A8) einen Abstrich

          In Bayern : Corona-Tests für Reiserückkehrer in vielen Fällen nutzlos

          Mehr als 40.000 Reiserückkehrer haben sich an Teststationen an Autobahnen und Bahnhöfen in Bayern freiwillig auf Corona testen lassen – viele haben ihr Testergebnis aber nie erhalten. Beim zuständigen Landesamt gibt man sich zerknirscht.

          Auf der Pirsch : Warum es immer mehr Jäger in Deutschland gibt

          Der Jagdschein erfreut sich in Deutschland zunehmender Beliebtheit. Dahinter steckt die Liebe zur Natur und ein soziales Erlebnis – aber auch der Wunsch, selbst anders zu konsumieren.

          Konzert mit 13.000 Zuschauern : „Ein dringend notwendiges Signal“

          Die Konzertbranche ist von den Corona-Regeln besonders hart getroffen. Marek Lieberberg will sich nun in Düsseldorf mit 13.000 Zuschauern zurück Richtung Großveranstaltungen tasten. Der NRW-Gesundheitsminister hat jedoch Zweifel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.