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Woody Allen im Gespräch : Ein seltsames, seltenes Talent

  • -Aktualisiert am

Woody Allen, 77, während der Dreharbeiten zu „Blue Jasmine“ Bild: Sunset Box/Laif

Er bleibt auch weiterhin produktiv: Woody Allen über seinen neuen Film „Blue Jasmine“, seine Hauptdarstellerin Cate Blanchett und andere Kleinigkeiten - wie etwa die, fünfzig Witze pro Tag zu schreiben.

          Ihr neuer Film ist ein Drama, eher tragisch als komisch. Die Hauptrolle sollen Sie schon mit Cate Blanchett im Sinn geschrieben haben . . .

          Ich habe angefangen, ohne an jemand bestimmten zu denken, aber ab der Mitte dachte ich irgendwann, Himmel, das wird aber eine schwierige Rolle, wer könnte die wohl spielen - und da fiel mir Cate Blanchett ein. Sie ist eine von ganz wenigen Schauspielerinnen, die großartig genug sind, diesen Charakter wirklich verkörpern zu können. Ich hatte dann riesiges Glück, dass sie Zeit hatte.

          Sie bringt etwas unerwartet Abgründiges und Tragisches in einen Woody-Allen-Film. Ich habe mich beim Sehen gefragt, ob das im Drehbuch so angelegt war oder ob der Film mit einer anderen Hauptdarstellerin möglicherweise ganz anders geworden wäre, leichter?

          Nein, nein. Es war so geschrieben, es wäre mit jeder Schauspielerin etwas fürs schwere Fach gewesen, das war schon im Drehbuch ersichtlich. Meistens mache ich leichte Filme, aber immer mal wieder mache ich dann einen sehr ernsten wie „Interiors“ oder „Match Point“ oder „Another Woman“, und das jetzt war wieder so einer. Jede Schauspielerin, die ich besetzt hätte, hätte die Rolle so spielen müssen. Die Geschichte ist heavy. Es sind ein paar Lacher drin, aber die Geschichte ist nicht gerade amüsant.

          Cate Blanchett erzählt in Interviews, nach dem ersten Drehtag hätten Sie zu ihr gesagt: „Es ist fürchterlich, es ist fürchterlich.“ Wissen Sie noch, warum?

          Ich weiß Folgendes: Bei jedem Film, den ich je gedreht habe, drehe ich den ersten Tag immer noch einmal. Der erste Drehtag ist immer ein Desaster. Bis Schauspieler und du exakt auf die Wellenlänge der Rolle kommen, kann man eigentlich nichts machen. Das dauert für gewöhnlich ein bis drei Tage, und dann macht es klick. Aber am ersten Drehtag denke ich jedes Mal, ach, das klappt nicht, es ist fürchterlich. Ich werde dann immer ganz mutlos. Und dann drehen wir den ersten Tag noch mal. Es dauert halt immer, bis man alles zusammenbekommt.

          Es heißt ja oft, es sei leichter, ein Drama zu machen als eine Komödie. Wie sehen Sie das?

          Es ist sehr schwer, dramatische Sachen zu machen - genauso schwer wie eine Komödie. Es ist nur so, dass es mehr Menschen gibt, die ernste Sachen machen können als heitere. Nicht so viele Leute können Komödien.

          Stimmt es, dass Sie früher bis zu fünfzig Witze am Tag geschrieben haben?

          Ja. Das war ganz leicht. Ich ging noch zur Schule, und die war so gegen 13 Uhr fertig, und ich lebte in Brooklyn, und mein Job als Witzeschreiber war in Manhattan. Also bestieg ich den Zug, nahm Papier und Stift in die Hand, und bis ich ankam - es war eine etwa 45-minütige Fahrt -, hatte ich zwanzig Witze geschrieben. Wenn man das kann, ist es überhaupt nicht schwierig. Im Büro hab’ ich dann noch mal zwanzig oder dreißig Witze geschrieben. Das klingt viel - und wenn man dafür kein Talent hat, wird es ein Jahr dauern, bis man einen einzigen geschrieben hat, aber wenn man es kann, ist es nichts.

          Was ist die Technik? Sie haben mal gesagt, man müsse für einen Witz zuerst das Ende haben - und erst danach den Aufbau schreiben.

          Es gibt keine Technik. Es ist ein Instinkt.

          Ja, aber wie fangen Sie an? Sie denken sich ein Thema aus - und spielen dann damit?

          Sie können sich ein Thema ausdenken, oder Sie können die Zeitung durchlesen, und nach einer halben Stunde Zeitungslektüre haben Sie zwanzig Witze. Vorausgesetzt, Sie können das.

          Sie können es mir also nicht beibringen - das ist eher ein Talent, keine Technik?

          Es ist ein seltsames, seltenes Talent. Und ich hatte Glück. Denn ich war nicht gut in der Schule, aber ich hatte dieses Talent. Und das hat es mir ermöglicht, zu arbeiten.

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