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Irrsinn im Museum : Ein Bett im Louvre

Wie man sich bettet, so liegt man - im Louvre. Bild: Reuters

Museen lassen sich eine Menge einfallen, um Besucher anzulocken. Der Louvre ist da ganz weit vorn – und bietet eine Übernachtung unter der Glaspyramide an.

          Abenteuer sind immer ein Wagnis, darin unterscheiden sie sich vom abgenudelten Alltag, und deshalb sind sie auch so verlockend. Der Nervenkitzel beim Kunstabenteuer mag zwar für den, der das Abenteuer in der Wüste sucht oder sich erst in der Eigernordwand entflammen lässt, nicht so recht einleuchten, unlogisch ist es deswegen noch lange nicht. Wahrscheinlich gibt es überhaupt nur wenige Körperschaften in der Welt, die sich so vehement fürs Abenteuer zuständig fühlen wie das Museum, nehmen wir die Reisebranche einmal aus.

          Kunstabenteuer unterliegen allerdings genau wie das Reiseabenteuer einem zutiefst menschlichen neuronalen Automatismus, der in den Gehirnen anderer Tiere, für die erst die Routinen sinnstiftend sind, wenig ausgeprägt ist. Dieses Erregungsmuster, ein unaufhaltsam aufwärts strebender Auslösereiz, sorgt dafür, dass auch das erregendste Abenteuer unbedingt noch getoppt werden muss.

          Fürs Museum heißt das – es muss immer progressiver werden, und das gilt erst recht im globalen Dorf in seiner zutiefst wettbewerblichen Verfasstheit. Deswegen ist es bisher auch durch noch so penible Einwände maßloser Bildungsferne nicht davon abzuhalten gewesen, vorauseilend und mit helfender Hand (und Geld) dafür zu sorgen, dass in den heiligen Hallen der Kulturgeschichte gelegentlich der Punk abgeht.

          Heiliges Liebesnest, glückliches Paris!

          Einen solchen Höhepunkt hat der punkige Louvre im vergangenen Jahr mit dem Parcours Beyoncé erreicht. Der glamouröse Trampelpfad führt entlang des im Museum gedrehten und inzwischen 165 Millionen Mal geklickten Musikvideos „Apeshit“ des Künstlerpaars Jay-Z und Beyoncé und soll eine exklusive „Clip-Tour“ durch das berühmteste Museum der Welt bieten. Ein virtuelles Kunstabenteuer also.

          Folgt man dem neuronalen Imperativ der Reizsteigerung, durfte man also gespannt sein, was danach kommt. Seit gestern wissen wir es: eine Nacht im Doppelbett zu Füßen der Venus von Milo, in einer mit Milchglas abgeschirmten Minipyramide unter der berühmten Louvre-Glaspyramide. Einmalig, salbadert die Museums-PR, weil die Pyramide nur einmal dreißigjähriges Bestehen feiert. Ende nächster Woche ist Bewerbungsschluss. Danach darf sich ein (nach nicht näher aufgeschlüsselten Kriterien) ausgewähltes und von einem Online-Ferienanbieter alimentiertes Pärchen nach einer Exklusivführung durch das Museum, wie sie bisher angeblich nur Beyoncé und Obama gewährt wurde, und einem Essen nebst Konzert in den Räumen Napoleons eine gewiss einmalige Liebesnacht unter der Louvre-Pyramide gönnen.

          Mehr Abenteuer und Erregung geht nicht? Warten wir, bis alle aufwachen. Das New Yorker Naturkundemuseum, das nach Ben Stillers Erfolgskömödie die Nacht im Museum praktisch erfunden und das Museum zum Kinderspielplatz gemacht hat, leidet inzwischen unter Klappbettmangel. Jedes Jahr gibt es dort zwanzig Übernachtungspartys mit je fünfhundert Besuchern. Heiliges Liebesnest, glückliches Paris!

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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