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Wolfgang Schäuble in New York : Der Humor des Finanzministers

Man weiß nie, wann oder warum er ein Lächeln aufsetzt: Wolfgang Schäuble spricht vor dem Council on Foreign Relations. Bild: Reuters

Die Politik in Krisenzeiten erfordert neue Mittel. Das war dem Besuch des deutschen Finanzminister in New York anzumerken, bei dem Schäuble ein Exempel seines besonderen Humors gab.

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          Zum Abschluss erzählt Wolfgang Schäuble einen Witz. Genauer gesagt: Er erzählt davon, wie er einmal einen Witz erzählt hat. Er liebe es nämlich, Witze zu erzählen, und so habe er vor ein paar Monaten die Prognose gewagt, es könne sein, das Wladimir Putin eines Tages noch den Karlspreis bekommen werde, wegen seiner Verdienste um die Einigung Europas. Dieser Preis, erläutert der deutsche Finanzminister seinem amerikanischen Publikum, sei in Europa sehr berühmt. In seiner bescheidenen Art erwähnt er nicht, dass sich unter dem Jahr 2012 auf der Aachener Liste der illustren Preisträger der Name Wolfgang Schäuble findet.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Trotz oder wegen der Ankündigung verfehlt der Witz seine Wirkung nicht. Herzliches Gelächter begleitet Schäuble hinaus in den New Yorker Frühling und in seinen Alltag endloser Finanzkrisensitzungen. Eine Stunde lang hat der Finanzminister der diskreten Vormacht der Europäischen Union den Mitgliedern des Council on Foreign Relations listige Rede und diplomatische Antwort gestanden.

          Dieser Rat mit Sitz in einem Park-Avenue-Eckhaus ohne Türschild ist eine Mischung aus Club und Forschungsinstitut, eine Vereinigung von Leuten, die am liebsten schon die Zeitungen von morgen lesen würden. Für die Gesamtheit der Einschätzungen, die die britische Außenpolitik im Zeitalter des Imperialismus bestimmten, haben die Historiker Ronald Robinson und Jack Gallagher den Begriff des „official mind“ geprägt. Die außenpolitischen Profis, gewählt oder beamtet, waren allen Parteidifferenzen zum Trotz eines aktenkundigen Geistes. Der Council on Foreign Relations soll den amtlichen Geist der amerikanischen Republik für die inoffizielle Mitsprache einer weiter gefassten Elite öffnen. Spitzenbeamte treffen hier auf Bankiers, Leitartikler und Stiftungsgeldhüter.

          Dieser Rat, der 1921 ins Vereinsregister eingetragen wurde, ist ein Produkt der Bemühungen um eine neue Weltordnung nach dem Ersten Weltkrieg. Er kompensierte sozusagen den offiziellen Rückzug der Vereinigten Staaten von der Weltbühne, den vom Kongress erzwungenen Nichtbeitritt zum Völkerbund.

          Amerikas Interesse an Normalität

          Die Rituale der Beratschlagung unter Hinzuziehung ausländischer Gäste wirken der Besorgnis entgegen, die Weltpolitik sei 1919 in einen permanenten Ausnahmezustand eingetreten. Amerika hat seiner revolutionären Vergangenheit zum Trotz ein Interesse an Normalität, sähe sich als Weltmacht sonst überall einem Handlungszwang ausgesetzt. Wenn Schäuble demonstrieren will, dass er trotz Absturzes des Euros und Aufstands der Griechen die Geschäfte des deutschen Schatzministers wie üblich erledigt, hat er bei den Ratsmitgliedern auf wohlwollende Aufnahme hoffen dürfen. Ihr kritisches Augenmerk werden sie dabei wohl eher seinem Habitus und Duktus zugewandt haben als dem von Regierungsbeschlusslagen weitgehend vorgegebenen Inhalt seiner Ausführungen.

          Wolfgang Schäuble mit Lawrence Summers
          Wolfgang Schäuble mit Lawrence Summers : Bild: AFP

          Ist es aber nicht frivol, dass Schäuble eine ausführliche Stellungnahme zur Ukraine-Krise in einen Scherz über den russischen Präsidenten münden lässt? Nicht unter Kollegen: Nonchalant betont der Minister das Spielerische am großen Spiel der Mächte. Den Pathetiker mag der Gegner markieren. Ein wiederkehrendes Merkmal der freien Rede sind bei Schäuble Eruptionen einer untergründigen Heiterkeit, deren Gegenstände sich nicht einfach benennen lassen. Man weiß oft nicht, warum sich gerade jetzt ein Lächeln auf sein Gesicht schleicht oder ein Kichern in seine Stimme. Was er sich denkt, geht nicht auf in dem, was er sagt. Sein vulkanisches Ingenium lässt auf einen empfindlichen Sinn fürs Absurde und Groteske seines Metiers schließen.

          Schäubles apodiktische Antwort

          Die Vision des Karlspreisträgers Putin ist eine Karikatur in Worten, schlagend wie ein Blatt von Sir David Low. Ins emblematische Bild setzt der Witz den Gedanken, auf den der Historiker Brendan Simms aus Cambridge seine Geschichte des europäischen Staatensystems zulaufen lässt. Schäuble stellte das Buch im September vergangenen Jahres dem Berliner Publikum vor. Europäische Einigkeit entstand laut Simms immer im Zusammenschluss gegen einen gemeinsamen Feind; aus der Abwehr Putins könnten die Vereinigten Staaten von Europa hervorgehen.

          Schäuble stimmt im Ziel mit Simms überein, kann sich aber nicht dazu verstehen, die Mittel zu befürworten, die der Historiker für nötig hält. Die Auslegung der deutschen Staatsräson, die der Finanzminister in New York vorträgt, bestätigt eine skeptische These des Buchs von Simms: Was die Europäische Union „strategisch ausbremste, war nicht der militärische Ehrgeiz Deutschlands, sondern dessen Fehlen“.

          Andrew Nagorski, weiland Korrespondent des Nachrichtenmagazins „Newsweek“ in Bonn und Berlin, möchte von Schäuble wissen, warum Deutschland Waffenlieferungen an die ukrainische Regierung ablehnt. Schäubles apodiktische Antwort, der Ukraine-Konflikt könne nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden, ist eindeutig an Putin gerichtet. Der Verweis auf die Geschäftsgrundlage europäischer Politik soll genügen, um die Russen abzuschrecken. Die Logik des Kalten Krieges, wonach der Besitz militärischer Mittel ihren Einsatz verhindert, ist außer Kraft gesetzt. Zu Drohungen lässt sich die deutsche Regierung nicht herab.

          Der Ernstfall als Rechengröße

          Oder etwa doch? Schäuble sagt: „Wenn wir sagen, dass es keine militärische Lösung geben wird, kann das niemand missverstehen.“ Setzt solche Unmissverständlichkeit denn nicht die Bereitschaft voraus, den Worten mit Taten Nachdruck zu verleihen? Das lässt Schäuble offen. In dieser Rhetorik kommt dem Ernstfall ein seltsamer ontologischer Status zu. Er wird explizit ausgeschlossen und implizit beschworen, hat die Funktion einer Rechengröße, die komplizierte Operationen ermöglicht.

          Nagorski hat seiner Frage die Bemerkung vorausgeschickt, wahrscheinlich werde Schäuble sich in Sachen Ukraine für unzuständig erklären. Doch der Befragte ist ihm ins Wort gefallen: Sehr wohl sei er mit dem Thema befasst. Finanzpolitik, so mag man das verstehen, der spekulative Erwerb von Kredit, ist heute die Leitdisziplin unter den Staatskünsten. Waffen scheinen entbehrlich, weil es Bluff und Finte gibt. Schäuble selbst legt den Gedanken nahe, dass die Routine im Hinausschieben des großen Kassensturzes, die die Regierungen der Eurozone erworben haben, ein Muster des Krisenmanagements auch in der Frage von Krieg und Frieden liefert. Als Lawrence Summers, Finanzminister unter Präsident Clinton, ihn nach Gegenmaßnahmen für den Fall eines fortgesetzten Falls der europäischen Gemeinschaftswährung fragt, erklärt Schäuble, zu diesem hypothetischen Szenario dürfe er sich von Amts wegen nicht äußern. Und als Nagorski Auskunft darüber begehrt, was bei einem russischen Angriff auf die Hafenstadt Mariupol geschehe, zitiert Schäuble den Bescheid, den er Summers erteilt hat: Auch dazu könne er nichts sagen.

          Eines sagt er dann doch: Europa bleibe auf die Vereinigten Staaten angewiesen. Man darf ergänzen: als Garantiemacht der Möglichkeit militärischer Restauration des Friedens. Es fehle aber im atlantischen Verhältnis an Gegenseitigkeit: „Die NSA hat mich nicht amüsiert.“

          Was ist für Schäuble amüsant? Etwa die Erinnerung daran, dass die Deutschen ihre politische Existenz beinahe verspielt hätten? Er sei als Angehöriger des Geburtsjahrgangs 1942 im Bewusstsein des Verlusts deutscher Souveränität aufgewachsen, berichtet er, als wieder sein Lachen aufbricht: „Das war so etwas wie das Ende der deutschen Geschichte.“ Nicht Genugtuung darüber, dass es doch noch weiterging, spricht aus dieser Heiterkeit, sondern anhaltende Verwunderung über die Unberechenbarkeit des Laufs der Welt.

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