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Exit-Strategie : Herrndorfs Revolver

Umrisse einer 357er Magnum Smith & Wesson Bild: F.A.Z.

Seit wenigen Wochen liegt die Waffe, mit der sich der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf 2013 das Leben nahm, im Tresorschrank des Literaturarchivs in Marbach. Was hat sie dort zu suchen?

          Nachdem bei Wolfgang Herrndorf im Februar 2010 ein Hirntumor diagnostiziert worden war, er also damit rechnete, nicht mehr lange zu leben, suchte er nach einer „Exitstrategie“. Alle, die damals im Internet seinen Blog „Arbeit und Struktur“ lasen, wussten das. Dreieinhalb Jahre schrieb Herrndorf ein Tagebuch für seine Freunde, die ihn überredeten, seine Notizen öffentlich zu machen. Und so konnte, wer wollte, von Herrndorfs Leben mit der Krankheit lesen und dabei zusehen, wie er gleichzeitig eine unglaubliche Produktivität entfaltete. Wie er, der sonst Tage damit hatte verbringen können, ein einziges Komma hin und herzuschieben, in wenigen Monaten seinen Roman „Tschick“ fertigstellte. Wie die Druckfahnen kamen, ihm das Geschriebene belanglos erschien, was aber nicht unbedingt am Roman oder an seinem Zustand liegen musste, sondern beim Fahnenkorrigieren vielleicht immer so war. Wie er 500 Seiten „Sand“ schrieb und dann den Isa-Roman anfing, in dem das verwahrloste Müllmädchen, das man aus „Tschick“ kannte, ihre eigene Geschichte erzählte.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer „Arbeit und Struktur“ mitverfolgte, erfuhr auch von der Waffe. Herrndorf war sich nach seiner Diagnose darüber im Klaren, dass die „Exitstrategie“ für ihn „nur eine Waffe“ sein konnte. Wenn es so weit war, wollte er „die Sache“ hinter sich bringen, nicht in einem Moment der Verzweiflung, sondern der Euphorie und ohne Probleme. Voraussetzung dafür war, dass zwischen Entschluss und Ausführung nicht mehr als eine Zehntelsekunde liegen durfte. „Ich wollte ja nicht sterben, zu keinem Zeitpunkt, und will es auch jetzt nicht“, schrieb er am 30. April 2010. „Aber die Gewissheit, es selbst in der Hand zu haben, war von Anfang an notwendiger Bestandteil meiner Psychohygiene. Ich muss wissen, dass ich Herr im eigenen Haus bin. Weiter nichts.“

          Ein sicherer Halt

          Herr im eigenen Haus sein, wo er es schon längst nicht mehr war: Man muss das, wie so vieles in „Arbeit und Struktur“, schon ironisch verstehen. Mutwillig kehrte Wolfgang Herrndorf Sigmund Freuds Satz vom Ich, das nicht mehr Herr ist im eigenen Haus, um – und sicherte sich so einen letzten Rest von Kontrolle, bevor die Krankheit seine Persönlichkeit verändern würde. Als er sich am 26. August 2013 am Ufer des Hohenzollernkanals in Berlin erschoss, seine Frau und seine Eltern wussten von der Entscheidung, waren seine Koordination und räumliche Orientierung bereits beeinträchtigt. Es dürfte, wie sein Lektor Marcus Gärtner und die Autorin Kathrin Passig, mit der er eng befreundet war, festgestellt haben, einer der letzten Tage gewesen sein, an denen er noch zu der Tat imstande war.

          Seit er sich die Waffe besorgt hatte (er verfügte über die entsprechenden Kontakte), schien er sich sicherer zu fühlen: „Ich schlafe mit der Waffe in der Faust, ein sicherer Halt, als habe jemand einen Griff an die Realität geschraubt.“ Und mehr noch. Er fing, wie man in der um den Nachlass ergänzten Buchversion von „Arbeit und Struktur“ nachlesen kann, an, die Waffe zu fetischisieren, fand sie schön, fand es aufregend, sie zu besitzen: „Das Gewicht, das feine Holz, das brünierte Metall. Mit dem MacBook zusammen der schönste Gegenstand, den ich in meinem Leben besessen habe.“ Er spielte mit ihr herum: „Die Waffe kann ich problemlos in die Hand nehmen. Trommel rausschwenken, Finger in den Rahmen halten, der Lauf, die Züge, Trommel rein, Hahn spannen, Hahn vorsichtig zurückrasten. 357er Smith & Wesson, unregistriert, kein Beschusszeichen. Aber als ich eine Patrone in die Hand nehmen soll, zittert meine Hand, ich fühle ein spitzes, silbernes Ziehen im Hinterkopf.“

          Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf (1965-2013)

          Jetzt liegt sie da. „Wollen Sie sie in die Hand nehmen? Sie müssten dazu einen dieser weißen Handschuhe anziehen. Hier, bitteschön! Sie können sie auch mal spannen und abdrücken. Munition haben wir hier natürlich keine.“ Seit wenigen Wochen befindet sich Herrndorfs Revolver eingeschlossen im Tresorschrank im Keller des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Die Archivarin mit der vorgeschriebenen Waffenbesitzkarte nimmt die Magnum heraus und positioniert sie vor uns auf dem Tisch.

          Dass es eigentlich keinen Grund gibt, sie jetzt nicht in die Hand zu nehmen, denkt man, wegen ihr ist man schließlich hier, und greift zu, überrascht vom Gewicht, das respekteinflößend ist wie der ganze Moment. Spannen, abdrücken. Einfach so? Es fühlt sich wie eine Grenzüberschreitung an. Warum ist eine Waffe, mit der sich ein Schriftsteller das Leben genommen hat, für andere interessant? Macht es wirklich Sinn, sie sich anzusehen oder sie anzufassen, insbesondere, wenn man Wolfgang Herrndorf nicht einmal persönlich gekannt hat? Beziehungsweise, selbst wenn man ihn gekannt hätte. Was macht sie hier? Und wie ist sie überhaupt hierhergekommen?

          Wollen Sie die anderen auch sehen?

          Während man, die Waffe in der Hand, in Gedanken dasteht, redet die Archivarin weiter. Sie sei bis vor ein paar Jahren im Schützenverein Affalterbach gewesen. Sie sei über ihre Kinder zum Schießen gekommen. Nein, ein Witz sei das nicht. Da lerne man Konzentration und Atemtechnik. Der Amoklauf an der Schule in Winnenden habe hier in der Region allerdings viel verändert. Sie nimmt einem den Revolver wieder ab. „Wollen Sie die anderen Waffen auch noch sehen?“ - „Welche anderen?“ Sie öffnet den Tresorschrank daneben und holt ziemlich alte und lange Flinten heraus.

          „Das sind die Luftgewehre von Schillers Sohn, der Förster war. Hier eine Mauser-Pistole des Schriftstellers Hermann Sundermann von 1918. Und ein sogenannter Radfahrerrevolver des Philosophen Ludwig Klages.“ Klein und elegant ist der, mühelos und unauffällig im Smoking mitzuführen. Der Unterschied ist eben nur, dass diese anderen keine Selbstmordwaffen sind. „Und Kleist, der Henriette Vogel und sich am Kleinen Wannsee erschossen hat?“ - „Kleists Waffen sind nicht überliefert. Wir haben ein ähnliches Handfeuerwaffenmodell mal ausgestellt.“ Wer hätte gedacht, dass das Deutsche Literaturarchiv in Marbach im Keller einen Schrank voller Waffen hat.

          Ein amerikanischer Revolver

          Als die „Sportgeräte“ wieder ordnungsgemäß verstaut sind, gehen wir über Bibliotheksflure einen Stock höher ins Büro von Ulrich Raulff, Direktor des Archivs, der jetzt für Herrndorfs Waffe verantwortlich ist. Wobei er sie nur mit Einwilligung der Witwe zeigen darf und erstmal auch gar nicht ausstellen oder Fotos von ihr öffentlich machen soll. Wolfgang Herrndorf starb vor drei Jahren. Was sind schon drei Jahre für seine Familie. Raulff sagt: „Wir sammeln hier ja alle möglichen Dinge des Lebens und in diesem Fall des Sterbens der Autoren. Von den meisten haben wir natürlich Schreibsachen und Schreibmaschinen, von Botho Strauss jetzt drei Laptops.

          Aber daneben gibt es eben auch Dinge, die mit dem lebensweltlichen Umfeld von Schriftstellern zu tun haben. Dazu können auch Waffen gehören. Und wenn eine Waffe derart eng mit dem Leben und der Endlichkeit eines Schriftstellers verbunden und selber schon in seinem Schreiben thematisiert worden ist, so dass die Leute vor dem Tod des Autors literarische Berührung mit dieser Waffe hatten, dann ist das ein Gegenstand für das Literaturarchiv.“

          Raulff nimmt an, dass es sich um einen Armeerevolver handelt, eine Waffe, die in den dreißiger Jahren speziell für die amerikanischen Grenztruppen entwickelt wurde, denen die bis dahin üblichen Revolver zu wenig durchschlagkräftig waren. Das Geschoss wurde vergrößert, die Patrone verlängert und der ganze Revolver verstärkt. Die Gasentwicklung sei auf diese Weise wesentlich heftiger geworden und entsprechend auch der Rückschlag. Das Modell sei in der gesamten amerikanischen Armee eingeführt worden. „Wenn ich die Seriennummer richtig gelesen habe“, meint Raulff, „stammt Herrndorfs Revolver aus den siebziger Jahren. Vielleicht hat irgendein GI ihn in Berlin verloren, hat ihn sich klauen lassen oder beim Spiel verzockt. So kam er auf den Schwarzmarkt, und Herrndorf hat ihn im Hinterzimmer einer Kneipe in Neukölln gekauft.“

          Wie die Waffe ins Archiv kam

          „Und dass er jetzt hier ist, das finden diejenigen, die ihm nahestanden, okay?“ Er erzählt, wie er mit Kathrin Passig und Herrndorfs Freund, dem Schriftsteller Per Leo, Kontakt aufgenommen hat, die das überhaupt nicht anstößig fanden. Er habe sein Anliegen nicht lange erklären müssen, auch der Witwe gegenüber nicht. Kathrin Passig habe ihm das Aktenzeichen mitgeteilt, unter dem die Sache bei der Polizeibehörde in Berlin bearbeitet wurde. Dort liefen zwei Verfahren: eines wegen unrechtmäßigen Waffenbesitzes und die routinemäßige Untersuchung bei Selbstmord, die die Frage klärt, ob es ein Fremdeinwirken gab. Diese Untersuchungen mussten beide abgeschlossen sein, bevor die Staatsanwaltschaft bereit war, die Waffe ans Archiv abzugeben.

          Was dann folgt, ist eine Geschichte von Behörden, Landratsämtern und Vorschriften. Eine Geschichte, die bürokratischer nicht sein könnte und die, gerade weil sie so völlig unsentimentale Züge hat, der Waffe ihren Nimbus oder jedenfalls ein Teil ihrer unheimlichen Aura nimmt. Sie fängt in der Asservatenkammer der Polizei in Tempelhof an, wo Raulff der dafür nach Berlin geflogen ist, die Waffe ausgehändigt wird, die er dann aber in einem Bankschließfach zwischenlagern muss, weil er sie im Flugzeug schlecht mitnehmen kann. Zurück in Marbach, ruft das Landratsamt an, sie hätten den Vorgang noch einmal überprüft und festgestellt, dass das Archiv zwar historische Waffen, aber diese gar nicht besitzen dürfe. Am Montag (es war ein Freitag) würden sie sie deshalb wieder abholen.

          Er lässt mitteilen, dass er schwer krank ist, fährt nach Berlin und transportiert den Revolver in einer Nachtfahrt nach Marbach, wo wenig später die Leute vom Amt eintreffen. Er müsse erst einen Sachkundelehrgang absolvieren, sagen sie. „Entschuldigen Sie, meine Herren, ich bin Offizier der Reserve!“, sagt da Ulrich Raulff. Aber das interessiert die Beamten nicht. Er könne zu einem Schützenverein gehen und den Lehrgang machen. Raulff erkundigt sich sogar, bis sich herausstellt, dass eine Mitarbeiterin einen solchen Lehrgang gemacht hat und den Nachweis dafür schon besitzt.

          Ist Herrndorfs Revolver Literatur?

          Wenn man in Marbach vom Archiv aus den Hügel noch ein bisschen weiter hoch geht, landet man im Literaturmuseum der Moderne, das ein mondän gestaltetes Restelager dichterischer Schreib- und Lebenskunst ist. Hier sind schon das Tauf-Hemdchen der Familie Mann, die Totenmaske Nietzsches oder ein talgiges Haarbüschel von Stefan George zu sehen gewesen. Es ist ein Ort, an dem das Objekthafte gefeiert und mit den Objekten die Frage, was Literatur ist, grundsätzlich gestellt wird: Ist Literatur allein die überlieferte Schrift, das Manuskript, das Buch; oder gehört zu ihr eben auch der anekdotische reliquienhafte Lebensrest – also Wolfgang Herrndorfs Revolver? Dass die Objekte überhaupt gezeigt werden, beantwortet die Frage schon: Ja, der Lebensrest gehört zur Literatur. Was heißt, dass mit ihm auch die Feinde jeder ästhetischen Gesetzgebung überleben, nämlich Sentimentalität und Kitsch. Sie werden bewusst nicht ausgeschlossen, erliegen muss man ihnen deshalb aber nicht.

          Und es geht noch um etwas anderes: Wo Dinge gezeigt werden, in deren Nähe oder durch deren Vermittlung ein Mensch den Tod fand, verbinden sich mit diesen Dingen moralische Fragen. Je kürzer die Frist ist, die seit dem Tod vergangen ist, desto akuter sind sie: Die Waffe, mit der sich Kleist erschossen hat, würde man sicher leichtfertiger in die Hand nehmen als die von Wolfgang Herrndorf. Ganz verliert sich die Frage der Moral, wenn der Tod im Spiel ist, aber nie: „Denken Sie an Ernst Jüngers Stahlhelme, die ich persönlich anstößiger finde“, sagt Ulrich Raulff. „Da gibt es zwei: einen deutschen, der aufgerissen ist, weil der Träger, eben Jünger, einen Splitter abgekriegt hat. Und einen anderen, englischen, der wie die Trophäe eines Großwildjägers anmutet, weil Jünger vermutlich den Träger dieses Helms im Gefecht erschossen hat.“ Seit er am Hirntumor erkrankt war, plädierte Wolfgang Herrndorf für Sterbehilfe. Auch für diese Debatte ist die 357er Magnum im Archiv ein Symbol.

          Doch ist die eigentliche Pointe vielleicht eine ganz andere. Denn von Wolfgang Herrndorf liegt hier in Marbach jetzt nur der Revolver und kein Manuskript, keine Skizze, keine handschriftlichen Notizen. Nur die Reliquie sozusagen, aber nicht die Schrift. Wer „Arbeit und Struktur“ liest - dieses überwältigende Buch mit zwei Protagonisten: Wolfgang Herrndorf und seine Waffe -, der kennt auch die Passagen, in denen der Autor seine Abneigung gegenüber Germanisten ziemlich deutlich zum Ausdruck bringt. Dass die Germanisten jetzt nur das Werkzeug der Beendigung des Schreibens in die Hände bekommen und nicht den Text selbst, das hätte ihm möglicherweise gefallen. Es passt jedenfalls zu der Art von Scherzen, die Wolfgang Herrndorf mochte.

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