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Exit-Strategie : Herrndorfs Revolver

Ist Herrndorfs Revolver Literatur?

Wenn man in Marbach vom Archiv aus den Hügel noch ein bisschen weiter hoch geht, landet man im Literaturmuseum der Moderne, das ein mondän gestaltetes Restelager dichterischer Schreib- und Lebenskunst ist. Hier sind schon das Tauf-Hemdchen der Familie Mann, die Totenmaske Nietzsches oder ein talgiges Haarbüschel von Stefan George zu sehen gewesen. Es ist ein Ort, an dem das Objekthafte gefeiert und mit den Objekten die Frage, was Literatur ist, grundsätzlich gestellt wird: Ist Literatur allein die überlieferte Schrift, das Manuskript, das Buch; oder gehört zu ihr eben auch der anekdotische reliquienhafte Lebensrest – also Wolfgang Herrndorfs Revolver? Dass die Objekte überhaupt gezeigt werden, beantwortet die Frage schon: Ja, der Lebensrest gehört zur Literatur. Was heißt, dass mit ihm auch die Feinde jeder ästhetischen Gesetzgebung überleben, nämlich Sentimentalität und Kitsch. Sie werden bewusst nicht ausgeschlossen, erliegen muss man ihnen deshalb aber nicht.

Und es geht noch um etwas anderes: Wo Dinge gezeigt werden, in deren Nähe oder durch deren Vermittlung ein Mensch den Tod fand, verbinden sich mit diesen Dingen moralische Fragen. Je kürzer die Frist ist, die seit dem Tod vergangen ist, desto akuter sind sie: Die Waffe, mit der sich Kleist erschossen hat, würde man sicher leichtfertiger in die Hand nehmen als die von Wolfgang Herrndorf. Ganz verliert sich die Frage der Moral, wenn der Tod im Spiel ist, aber nie: „Denken Sie an Ernst Jüngers Stahlhelme, die ich persönlich anstößiger finde“, sagt Ulrich Raulff. „Da gibt es zwei: einen deutschen, der aufgerissen ist, weil der Träger, eben Jünger, einen Splitter abgekriegt hat. Und einen anderen, englischen, der wie die Trophäe eines Großwildjägers anmutet, weil Jünger vermutlich den Träger dieses Helms im Gefecht erschossen hat.“ Seit er am Hirntumor erkrankt war, plädierte Wolfgang Herrndorf für Sterbehilfe. Auch für diese Debatte ist die 357er Magnum im Archiv ein Symbol.

Doch ist die eigentliche Pointe vielleicht eine ganz andere. Denn von Wolfgang Herrndorf liegt hier in Marbach jetzt nur der Revolver und kein Manuskript, keine Skizze, keine handschriftlichen Notizen. Nur die Reliquie sozusagen, aber nicht die Schrift. Wer „Arbeit und Struktur“ liest - dieses überwältigende Buch mit zwei Protagonisten: Wolfgang Herrndorf und seine Waffe -, der kennt auch die Passagen, in denen der Autor seine Abneigung gegenüber Germanisten ziemlich deutlich zum Ausdruck bringt. Dass die Germanisten jetzt nur das Werkzeug der Beendigung des Schreibens in die Hände bekommen und nicht den Text selbst, das hätte ihm möglicherweise gefallen. Es passt jedenfalls zu der Art von Scherzen, die Wolfgang Herrndorf mochte.

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