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Exit-Strategie : Herrndorfs Revolver

Aber daneben gibt es eben auch Dinge, die mit dem lebensweltlichen Umfeld von Schriftstellern zu tun haben. Dazu können auch Waffen gehören. Und wenn eine Waffe derart eng mit dem Leben und der Endlichkeit eines Schriftstellers verbunden und selber schon in seinem Schreiben thematisiert worden ist, so dass die Leute vor dem Tod des Autors literarische Berührung mit dieser Waffe hatten, dann ist das ein Gegenstand für das Literaturarchiv.“

Raulff nimmt an, dass es sich um einen Armeerevolver handelt, eine Waffe, die in den dreißiger Jahren speziell für die amerikanischen Grenztruppen entwickelt wurde, denen die bis dahin üblichen Revolver zu wenig durchschlagkräftig waren. Das Geschoss wurde vergrößert, die Patrone verlängert und der ganze Revolver verstärkt. Die Gasentwicklung sei auf diese Weise wesentlich heftiger geworden und entsprechend auch der Rückschlag. Das Modell sei in der gesamten amerikanischen Armee eingeführt worden. „Wenn ich die Seriennummer richtig gelesen habe“, meint Raulff, „stammt Herrndorfs Revolver aus den siebziger Jahren. Vielleicht hat irgendein GI ihn in Berlin verloren, hat ihn sich klauen lassen oder beim Spiel verzockt. So kam er auf den Schwarzmarkt, und Herrndorf hat ihn im Hinterzimmer einer Kneipe in Neukölln gekauft.“

Wie die Waffe ins Archiv kam

„Und dass er jetzt hier ist, das finden diejenigen, die ihm nahestanden, okay?“ Er erzählt, wie er mit Kathrin Passig und Herrndorfs Freund, dem Schriftsteller Per Leo, Kontakt aufgenommen hat, die das überhaupt nicht anstößig fanden. Er habe sein Anliegen nicht lange erklären müssen, auch der Witwe gegenüber nicht. Kathrin Passig habe ihm das Aktenzeichen mitgeteilt, unter dem die Sache bei der Polizeibehörde in Berlin bearbeitet wurde. Dort liefen zwei Verfahren: eines wegen unrechtmäßigen Waffenbesitzes und die routinemäßige Untersuchung bei Selbstmord, die die Frage klärt, ob es ein Fremdeinwirken gab. Diese Untersuchungen mussten beide abgeschlossen sein, bevor die Staatsanwaltschaft bereit war, die Waffe ans Archiv abzugeben.

Was dann folgt, ist eine Geschichte von Behörden, Landratsämtern und Vorschriften. Eine Geschichte, die bürokratischer nicht sein könnte und die, gerade weil sie so völlig unsentimentale Züge hat, der Waffe ihren Nimbus oder jedenfalls ein Teil ihrer unheimlichen Aura nimmt. Sie fängt in der Asservatenkammer der Polizei in Tempelhof an, wo Raulff der dafür nach Berlin geflogen ist, die Waffe ausgehändigt wird, die er dann aber in einem Bankschließfach zwischenlagern muss, weil er sie im Flugzeug schlecht mitnehmen kann. Zurück in Marbach, ruft das Landratsamt an, sie hätten den Vorgang noch einmal überprüft und festgestellt, dass das Archiv zwar historische Waffen, aber diese gar nicht besitzen dürfe. Am Montag (es war ein Freitag) würden sie sie deshalb wieder abholen.

Er lässt mitteilen, dass er schwer krank ist, fährt nach Berlin und transportiert den Revolver in einer Nachtfahrt nach Marbach, wo wenig später die Leute vom Amt eintreffen. Er müsse erst einen Sachkundelehrgang absolvieren, sagen sie. „Entschuldigen Sie, meine Herren, ich bin Offizier der Reserve!“, sagt da Ulrich Raulff. Aber das interessiert die Beamten nicht. Er könne zu einem Schützenverein gehen und den Lehrgang machen. Raulff erkundigt sich sogar, bis sich herausstellt, dass eine Mitarbeiterin einen solchen Lehrgang gemacht hat und den Nachweis dafür schon besitzt.

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