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Exit-Strategie : Herrndorfs Revolver

Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf (1965-2013)
Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf (1965-2013) : Bild: dpa

Jetzt liegt sie da. „Wollen Sie sie in die Hand nehmen? Sie müssten dazu einen dieser weißen Handschuhe anziehen. Hier, bitteschön! Sie können sie auch mal spannen und abdrücken. Munition haben wir hier natürlich keine.“ Seit wenigen Wochen befindet sich Herrndorfs Revolver eingeschlossen im Tresorschrank im Keller des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Die Archivarin mit der vorgeschriebenen Waffenbesitzkarte nimmt die Magnum heraus und positioniert sie vor uns auf dem Tisch.

Dass es eigentlich keinen Grund gibt, sie jetzt nicht in die Hand zu nehmen, denkt man, wegen ihr ist man schließlich hier, und greift zu, überrascht vom Gewicht, das respekteinflößend ist wie der ganze Moment. Spannen, abdrücken. Einfach so? Es fühlt sich wie eine Grenzüberschreitung an. Warum ist eine Waffe, mit der sich ein Schriftsteller das Leben genommen hat, für andere interessant? Macht es wirklich Sinn, sie sich anzusehen oder sie anzufassen, insbesondere, wenn man Wolfgang Herrndorf nicht einmal persönlich gekannt hat? Beziehungsweise, selbst wenn man ihn gekannt hätte. Was macht sie hier? Und wie ist sie überhaupt hierhergekommen?

Wollen Sie die anderen auch sehen?

Während man, die Waffe in der Hand, in Gedanken dasteht, redet die Archivarin weiter. Sie sei bis vor ein paar Jahren im Schützenverein Affalterbach gewesen. Sie sei über ihre Kinder zum Schießen gekommen. Nein, ein Witz sei das nicht. Da lerne man Konzentration und Atemtechnik. Der Amoklauf an der Schule in Winnenden habe hier in der Region allerdings viel verändert. Sie nimmt einem den Revolver wieder ab. „Wollen Sie die anderen Waffen auch noch sehen?“ - „Welche anderen?“ Sie öffnet den Tresorschrank daneben und holt ziemlich alte und lange Flinten heraus.

„Das sind die Luftgewehre von Schillers Sohn, der Förster war. Hier eine Mauser-Pistole des Schriftstellers Hermann Sundermann von 1918. Und ein sogenannter Radfahrerrevolver des Philosophen Ludwig Klages.“ Klein und elegant ist der, mühelos und unauffällig im Smoking mitzuführen. Der Unterschied ist eben nur, dass diese anderen keine Selbstmordwaffen sind. „Und Kleist, der Henriette Vogel und sich am Kleinen Wannsee erschossen hat?“ - „Kleists Waffen sind nicht überliefert. Wir haben ein ähnliches Handfeuerwaffenmodell mal ausgestellt.“ Wer hätte gedacht, dass das Deutsche Literaturarchiv in Marbach im Keller einen Schrank voller Waffen hat.

Ein amerikanischer Revolver

Als die „Sportgeräte“ wieder ordnungsgemäß verstaut sind, gehen wir über Bibliotheksflure einen Stock höher ins Büro von Ulrich Raulff, Direktor des Archivs, der jetzt für Herrndorfs Waffe verantwortlich ist. Wobei er sie nur mit Einwilligung der Witwe zeigen darf und erstmal auch gar nicht ausstellen oder Fotos von ihr öffentlich machen soll. Wolfgang Herrndorf starb vor drei Jahren. Was sind schon drei Jahre für seine Familie. Raulff sagt: „Wir sammeln hier ja alle möglichen Dinge des Lebens und in diesem Fall des Sterbens der Autoren. Von den meisten haben wir natürlich Schreibsachen und Schreibmaschinen, von Botho Strauss jetzt drei Laptops.

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