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Wohnungslos zur Messezeit : Ein Verleger liegt durch

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Das Geld liegt in Frankfurt auf der Straße Bild: ullstein

Ein jeder hat sein „own private Waterloo“. Das von Klaus Bittermann heißt Frankfurter Buchmesse. Ganz grundlegende Bedürfnisse führen zu einer stetigen Folge vernichtender Niederlagen.

          4 Min.

          Jedes Jahr the same old shit. Kurz vor der Buchmesse beginnt die Suche nach einer Privatunterkunft, denn Hotelzimmer sind nicht nur schweineteuer, es gibt auch keine. Diesmal hatte ich Glück: Eine verreiste Fast-Freundin, kennengelernt auf der Buchmesse des Vorjahres, auf der sie trotz heftigen Flirtens auf höchstem alkoholischem Niveau nichts anbrennen ließ, bot mir die Wohnung ihres inzwischen geangelten Freundes an. Herr Dieme, ein gemeinsamer Bekannter, übergab mir gegen 24 Uhr Schlüssel und Adresse. Direkt vor dem Haus fand ich einen Parkplatz. Alles bestens!

          Vier Stockwerke stieg ich nach oben, fand nur nirgends den Namen Molchinger. Ich stieg die Treppen wieder hinab. Nichts. Ich rief Herrn Dieme an. „Muss im ersten oder zweiten Stock sein. Lange her, dass ich das letzte Mal da war“, grummelte er, weil er schon im Bett lag und mich für zu doof befand, eine Wohnung zu finden. Ermutigt probierte ich im ersten Stock rechts, wo kein Namensschild angebracht war, den Schlüssel, der aber nicht passte.

          Ein nutzloser Schlüssel

          Im zweiten Stock links brannte noch Licht. Hier wohnte ein Mann im Feinripp und mit einer Plauze, auf die nicht zu starren schon charakterfestere Menschen als ich gescheitert sein dürften. Bier in der Hand, großer, roter Kopf: eindeutig einer Karikatur von Greser & Lenz entsprungen. „Molchingä? Kenn isch net. Wer soll denn des sa?“ Das wüsste ich auch nicht, meinte ich kleinlaut. „Und deswechä klingeln Sie um aans anne fremdn Tür? Sie ham aber ganz schöna Nerven, des mussma Ihna lassn.“

          Die Suche ging weiter. Runter, hoch, vollkommen durchgeschwitzt. Im vierten Stock brannte ebenfalls noch Licht. Ich klingelte. Die Frau war misstrauisch, so dass wir uns nur durch die geschlossene Tür unterhielten. Ich kam mir vor wie eine lästige Fliege. Mittlerweile war es ein Uhr. Auch sie konnte mir nichts sagen. Nachdem ich vorsichtig an einer weiteren Tür ohne Name den Schlüssel ausprobiert hatte, kam ich schließlich auf die glorreiche Idee, auf die Anordnung der Klingelschilder zu achten. Demnach musste es der zweite Stock rechts sein. An der Tür stand Kuzorra. Ich klingelte.

          Da sich nichts rührte, steckte ich vorsichtig den Schlüssel ins Loch. Er passte. Aber er ließ sich nicht drehen. Ich probierte es mit Gefühl. Nichts. Ich probierte es mit Härte. Wieder nichts. Vielleicht gab es ja einen Trick, aber den würde ich, da war ich mir nach zehnminütigem Herumprökeln sicher, heute nicht mehr herausfinden. Die Sache fing an zu stinken.

          Eine Enttäuschung für die Polizisten

          Verzweifelt rief ich wieder Herrn Dieme an, der mir seufzend ein freies Zimmer bei sich in Aussicht stellte. Als er die Adresse durchgeben wollte, war der Akku meines Handys leer. Ich packte meinen Kram zusammen, warf leicht verbittert den Schlüssel in den Briefkasten und wollte zum Auto gehen – hätte mir nicht ein Polizeiauto den Weg abgeschnitten. Zwei junge Beamte stiegen aus. Ob ich mich ausweisen könne. Konnte ich. Sie seien von Anwohnern verständigt worden. Warum ich mich denn zu dieser Stunde hier herumtreibe. Meine Erklärung war so brüchig wie Pergamentpapier. Und von Heinz Molchinger wusste ich nur den Namen.

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