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Wohnungsbau in der Hauptstadt : Berlins Bau-Chaos

  • -Aktualisiert am

Nach der Verweigerung der Stadt Berlin, die Internationale Bauausstellung 2020 zu fördern, wird auf die Wohnungsbauförderung verwiesen. Doch die muss auch ansetzen, wo es sich zu fördern lohnt.

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          Keine Stadt der Welt ist so auf ihr Zentrum fixiert wie Berlin. Tausende von Artikeln wurden über das vom Bund vorangetriebene Schloss geschrieben, auf Podiumsdiskussionen redeten die Kontrahenten mit roten Köpfen aufeinander ein, als hingen die Identität der Stadt sowie die Zukunft des europäischen Städtebaus an der Frage, ob in ihrer Mitte ein hohenzollernschlossähnlicher Neubau errichtet wird. Nur: Neunzig Prozent der Stadtbewohner werden das Schloss vielleicht einmal im Monat sehen, identitätsbildende Erlebnisse mit Architektur finden vor allem dort statt, wo gewohnt und gearbeitet wird - in Vororten, Geschäftsvierteln und Plattenbausiedlungen, über die man viel zu wenig diskutiert.

          All das sollte die Internationale Bauausstellung 2020 ändern; mit ihr wollte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher den Blick auf die Großsiedlungen am Stadtrand lenken. Jetzt verweigerte der zum Sparen gezwungene Senat die Bewilligung der vorgesehenen fünfzig IBA-Millionen und verwies zum Trost auf die beschlossene Wohnungsbauförderung von mehreren hundert Millionen Euro. Nur: Wenn man Wohnungsbau fördert, muss man eine Vorstellung davon haben, was für Wohnungen gebraucht werden. Die meisten Wohnungsbaugesellschaften bauen aber immer noch viel zu oft um einen Lebensentwurf herum, den es gar nicht mehr gibt: Schon vor einem Jahrzehnt wurden 35 Prozent aller Haushalte in Deutschland nur von einer Person bewohnt, in den Großstädten sind es sogar fünfzig Prozent. In Großstädten sind Familien eine Randgruppe - ihr Anteil liegt gerade einmal bei 17 bis 20 Prozent.

          Mehr als Kommerzialisierung und Nostalgisierung

          Wie kann die Zukunft des Wohnens angesichts dieser Bedingungen aussehen, welche neuen Formen von Gemeinschafts- und Privatheitswünschen entstehen hier? Wie baut man für Singles, Studenten, alleinerziehende Berufstätige; könnten offenere Wohnformen mit neuen Gemeinschaftsräumen eine Lösung sein; was bedeutet es heute, einen „Platz“ zu bauen? All diese Fragen, sagt Lüscher, sollten auf der IBA beantwortet werden. Fragen, die man als öffentlicher Bauherr aber auch auf den größtenteils im öffentlichen Besitz befindlichen Liegenschaften nahe dem Alexanderplatz beantworten könnte, wo direkt an der Karl-Marx-Allee eine besonders trostlose Plattenbausiedlung steht.

          Mit wenigen Mitteln könnte man hier etwas Wegweisendes schaffen: Durch die Begrünung der Dächer könnte eine Gemeinschaftszone für die Bewohner geschaffen werden, die lochartigen Eingänge könnten durch die Aufgabe der Wohnung darüber vergrößert werden, wie es die Architekten Lacaton & Vassal am Stadtrand von Paris gezeigt haben; dort wirkt der Eingang eines Sozialbaus jetzt hell und licht wie die Lobby eines noblen Hotels. Schließlich könnten kleinere Ateliergebäude mit Läden, Cafés, Bäckereien, Werkstätten und Räumen für Start-ups jene kleinteilige Struktur in die Schlafburgen bringen, die dort fehlt. Solche Ergänzungen kosten nicht viel.

          Ein Gemeinwesen, das Hunderte von Millionen für ein rekonstruiertes Schloss übrig hat, sollte sich die wenigen Millionen leisten können, die es verlangt, kaum einen Kilometer entfernt bezahlbares und attraktives Wohnen in der Stadt möglich zu machen. Es ist ein Rätsel, warum diese Eingriffe nicht längst vorgenommen wurden. Ein internationaler, von der öffentlichen Hand ausgeschriebener und umgesetzter Wettbewerb für dieses Areal könnte immerhin noch eine kleine IBA ergeben und zeigen, dass Berlin mehr zu bieten hat als die Kommerzialisierung und Nostalgisierung des Zentrums unter den Augen einer staunend-sentimentalischen Politik, die alle Gestaltungsansprüche an private Akteure delegiert hat.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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