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Wohnungsbau für Flüchtlinge : Die Stunde der Architekten

Für Flüchtlinge müssen Hunderttausende von Häusern gebaut werden. Der Wohnungsbau entscheidet mit über die Zukunft des Landes. Wo bleiben die großen Entwürfe?

          6 Min.

          Dies ist die Stunde der Architekten. Oder besser gesagt: Sie könnte es sein. Denn selten hing die Zukunft einer ganzen Gesellschaft so sehr an dem, was wo und wie gebaut wird. In den kommenden Jahren werden Millionen von Menschen nach Deutschland kommen, und selbst wenn man das Land morgen mit einem gigantischen Wall einmauerte, gäbe es schon heute mehr als eine Million Flüchtlinge, von denen viele bleiben werden. Das bedeutet: Es muss gebaut, umgebaut, Wohnraum für Millionen geschaffen werden. Aber wie? An der Frage, wie die Flüchtlinge und ihre Wohnungen integriert werden in die Räume und die sozialen Strukturen von Städten und Dörfern, hängt auch die Frage, ob ihre Ankunft als Chance oder Belastung wahrgenommen wird: die Frage des sozialen Friedens.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Wohin der Bau von schnell hochgezogenen Hochhausgettos für Neuankommende führen kann, sieht man in den französischen Vorstädten. Schon deswegen wäre dies der Moment, über das Zusammenleben in den Städten und in einem Land nachzudenken, das um Millionen von Menschen wachsen wird. Aber das Gegenteil ist der Fall: Je höher die Flüchtlingszahlen werden, desto mehr schrumpft der Anspruch an das, was gebaut werden soll. Im Februar war noch die Rede von 300 000 Flüchtlingen, jetzt ist man inoffiziell bei etwa anderthalb Millionen. Ein Problem ist die Erstunterbringung; ein viel grundlegenderes aber die Frage, wo diejenigen, die bleiben, wohnen sollen und wie sich ihre Ankunft auf den ohnehin überlasteten Bestand an bezahlbaren Wohnungen auswirken wird.

          Spricht man mit Vertretern der Behörden, so herrscht dort blanke Panik. Niemand war darauf vorbereitet, Zigtausende von Wohnungen in nur einem Jahr nicht nur planen und genehmigen, sondern auch fertigstellen zu müssen. Die Lösung heißt jetzt „Modulbau“; aber kaum jemand kann sagen, wie diese Module aussehen werden. Ein Mitarbeiter der Berliner Baubehörde, der nicht namentlich genannt werden möchte, erklärt gegenüber dieser Zeitung, man steuere auf „ein schwarzes Loch zu“: Nie habe es eine Situation gegeben, in der Tausende von Fertigelementen bestellt wurden, ohne dass man wusste, zu was genau man sie hinterher zusammenschraubt. Ende 2016 werden die ersten neuen Modulbauten fertig sein. Kann man Entwürfe sehen? Nein. Warum nicht? Es gibt keine genauen Entwürfe. Es gibt nur quantitative Zahlen, Notfalltechnokratendeutsch, Quadratmeterangaben, Toilettenzahlen, Statikberechnungen, Aufstellungsorte.

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          Der Wohnungsbau litt schon immer darunter, dass man ihn vor allem als quantitatives Problem auffasste, und so wie eine gebaute Quadratmeterangabe mit ein bisschen archidekorativem Wohlfühllametta (kleiner Stahlbalkon, zweifarbig gestrichene Dämmputzfassade) sahen die Ergebnisse dann auch aus. Weiter reichende Fragen, wie und in welchen Konstellationen man wohnen will, was vor dem Haus passiert, was heute ein Platz ist, auf dem man sich trifft, oder wie man Arbeit und Wohnen zusammenbringen könnte, gerieten unter die Räder des Rechnungswesens. Was entstehen da für Städte? In der Hektik wird auf Architekten verzichtet. Jetzt, im Zustand akuter Baupanik, heißt die einzige Frage: Wer kann Modulsysteme liefern?

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