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Wohnungsbau für Flüchtlinge : Die Stunde der Architekten

Dabei dient das energetische Emissionsmodell, mit dem sich die Architekten zur Zeit herumschlagen müssen, vor allem der Dämmstoffindustrie. Viel intelligenter wäre es, einen erlaubten Pro-Kopf-Verbrauch, einen energetischen footprint, festzulegen: Jeder darf gleich viel Energie beim Wohnen verbrauchen, und er entscheidet, ob er das in einer etwas simpler gedämmten, kostengünstigen Vierzig-Quadratmeter-Behausung oder auf mit Schaumstoffdämmung, Gips und anderen ökologischen Sauereien vollverpackten hundert Quadratmetern tut. All diese Fragen werden aber nicht gestellt. Einige Institutionen versuchen zwar, die Architekten aus ihrem Dämmerschlaf zu holen: Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt etwa sucht für ein Ausstellungsprojekt zur Flüchtlingslage Vorschläge, die bis zum 18. November eingereicht werden können. Doch bisher schweigen die deutschen Architekten fast ausnahmslos - anders als in Japan, wo 2011 nach dem Tsunami Architekten wie Shigeru Ban und Toyo Ito in Eigeninitiative wegweisende Notsiedlungen für die obdachlose Bevölkerung entwarfen.

Die Wiederbelebung verlassener Landstriche

Einer der wenigen deutschen Architekten, die sich des Themas annehmen, ist Jörg Friedrich. „Wir scheinen ohnmächtig zu sein, mit dem Flüchtlingsthema architektonisch und städtebaulich würdig umzugehen“, erklärte er und zeigt in einem Projekt, das er mit seinen Studenten entwickelte und das in dem Buch „Refugees Welcome“ vorstellt, wie mögliche Lösungen aussehen könnten. Eine neue Wohnarchitektur, wie sie Flüchtlinge, aber auch die wachsende Zahl der Menschen brauchen, die sich die uns bekannten Wohnformen in Zukunft nicht mehr leisten können werden, müsse, so Friedrich, in den Bestand integriert und nicht in Großblöcken auf die freie Wiese gedonnert werden: „Fünfzig bis sechzig Menschen sind deutlich konfliktfreier gemeinsam in einem Gebäude unterzubringen als Hunderte Traumatisierte in einer Turnhalle“, sagt er. Sie am Stadtrand wegzusperren in einer „Blechkistenarchitektur fördert Aggression, Gewalt, Abgrenzung statt Integration“.

Friedrich und seine Studenten schlagen vor, die Zigtausende von innerstädtischen Flachdächern von Verwaltungs- und Bürobauten der Nachkriegszeit aufzustocken mit Wohnungen. Statisch ist das kein Problem, sozial trüge es zur Belebung toter Gegenden bei, und durch einfache Eingriffe ins Bauverordnungswesen wäre es leicht zu genehmigen. Gleiches gilt für die Idee, Schrebergartensiedlungen zu verdichten. Auch der Berliner Architekt und Stadtdenker Arno Brandlhuber warnt davor, in der Krise nur wieder neue Schlafburgen zu bauen: Es habe keinen Sinn, Fragen nach Standards nur in Bezug auf das Wohnen zu stellen, wenn ein Viertel der Bevölkerung auch von zu Hause aus arbeiten könne. „Wohnen und arbeiten - muss man das doppelt bezahlen, oder kann man das auch zusammenlegen?“ Dagegen steht oft das herrschende europäische Baurecht, das in seinem Kern immer noch von der modernen Funktionstrennung der Stadt in Schlafburgen einerseits und reine Arbeitswelten andererseits geprägt ist. Jetzt wäre der Moment, damit Schluss zu machen.

Eine weitere zentrale Frage ist die nach der Wiederbelebung der zahllosen verlassenen Landstriche, denn man wird die Flüchtlinge nicht allein in Städten und städtischen Ballungsräumen unterbringen können. Viel wurde über den verlassenen Ort Kerpen-Manheim berichtet, der eigentlich bis 2022 dem Braunkohle-Abbau weichen sollte: Jetzt leben dort siebzig Flüchtlinge. Optimisten sehen in der Verteilung der Flüchtlinge auf die leeren Dörfer und Kleinstädte eine Chance: In von Architekten intelligent umgebauten Ortschaften gerade des Ostens könnten sie eine neue Heimat finden und, bei entsprechenden arbeitspolitischen Regelungen, die dort dringend benötigten Läden und Arztpraxen wiedereröffnen; und diese staatlich geförderte Blüte werde dann schon auch die von der ökonomischen Ausblutung des Ostens frustrierte pegidierende Lokalbevölkerung überzeugen.

An diese beste aller denkbaren Welten mag man angesichts der angesengten Container nicht recht glauben. Aber was wäre die Alternative? Der Kern des Architektenberufs ist ja ein Gefühl für das Machbare, verbunden mit einer großen Dosis Optimismus, dem Glauben, dass mit intelligenten Formen etwas zum Besseren gewendet und scheinbar Unmögliches gelöst werden kann. Allein schon deswegen könnte die Politik in diesen Tagen viel lernen von den Architekten - wenn sie denn einmal ein paar Lebenszeichen von sich geben würden.

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