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Wohnungsbau für Flüchtlinge : Die Stunde der Architekten

Es ist auch die Stunde der Geschäftemacher, der Containerproduzenten und Billigkartonbauer, und es rächt sich, dass eine Stadt wie Berlin ihre Internationale Bauausstellung abgesagt hat, bei der erforscht werden sollte, wie man mit kostengünstig vorfabrizierten Bauteilen lebenswerte neue Stadtviertel baut. Wo sind jetzt, wo man sie so dringend braucht wie seit Jahrzehnten nicht mehr, die Architekten, die wissen, wie man nicht nur Quadratmeterbedarf umbaut, sondern auch Räume, Plätze, Städte schafft, wie man den Bestand intelligent umbaut, aufstockt, verdichtet für einen Bruchteil des Geldes, das billiger Massenneubau kostet - und die wissen, wie man durch Standardisierung und Vorfabrikation Kosten senken kann, ohne dass dabei Container- und Billigmodul-Slums entstehen, die die sozialen Brennpunkte der Zukunft sein werden?

Das Einzige, was man in diesen Tagen zum Thema „Flüchtlinge und Architektur“ auf den Tisch bekommt, sind Meldungen, bei denen man nicht weiß, ob sie sich die lieben Kollegen von der Satirezeitschrift „Titantic“ ausgedacht haben. So teilt eine Münchner PR-Agentur mit, dass die Architekten des brandneuen „Schubhaftzentrums“ im österreichischen Vordernberg, in dem als illegal eingestufte Migranten auf ihre Abschiebung warten, sich „für Vinylteppiche des schwedischen Designunternehmens Bolon“ entschieden hätten, weil diese „ein wertiges Raum- und Wohngefühl“ schafften.

Der Bedarf ist nicht neu

Der für bleibensunwert erklärte Mensch darf sich in diesem Neubau vor seiner Abschiebung also noch einmal kurz am „wertigen Wohngefühl“ der ersten Welt erfreuen: Dies wäre ihr Preis gewesen! Die Architektur soll die Abschiebung weniger unangenehm machen, darauf sind die Architekten stolz: Es „konnte beim Bau durch eine innovative Fensterlösung auf Gitterstäbe verzichtet werden“, und wenn ein verzweifelter Familienvater ausflippt, verzeihen die verbauten Holzmaterialien das auch: „Seekiefer hat eine warme Wirkung und erhält durch ihre starke Maserung auch punktuell beschädigt ihre attraktive Erscheinung.“ Wo aber sind im Jahr der Flüchtlingsfrage die großen Entwürfe, die mehr können, als Abschiebungen ästhetisch zu veredeln?

Das Schweigen der Architekten ist umso erstaunlicher, als schon vor der Ankunft der Flüchtlinge über die Frage eines neuen massenhaften Wohnungsbaus nachgedacht wurde. Bereits vor der Flüchtlingskrise hatte der Staat, nach langen Jahren der Privatisierung der Innenstädte, erkannt, dass die Frage bezahlbarer Wohnungen gelöst werden müsste. Es gab einmal sechs Millionen Sozialwohnungen, heute sind es noch gerade 1,4 Millionen, und immer mehr fallen jedes Jahr aus der Sozialbindung. Gleichzeitig wachsen die Städte. Berlin wollte deshalb die Anzahl der Wohnungen der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften bis 2020 um 70 000 erhöhen. Jetzt müssen es deutlich mehr und die Wohnungen deutlich günstiger werden. Aber schon wegen der Anforderung des energieeffizienten Bauens wird das Bauen immer teurer, und Bundesumwelt- und -bauministerin Hendricks wehrt sich mit Händen und Füßen gegen eine Aufweichung der Energiestandards, die einige angesichts der Lage fordern.

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