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Wohnen im Alter : Vom Seniorenjogger bis zum Rollatorfahrer

Auf dem Laubengang im Mehrgenerationenhaus „Neue Boelcke“ in Koblenz. Bild: dapd

In die Seniorenresidenz am Standrand oder doch lieber in eine Alten-WG? Das Deutsche Architekturmuseum zeigt in einer Ausstellung, wie vielfältig die Vorstellungen von altersgerechtem Wohnen sind.

          4 Min.

          Aktive Alte, Best Agers, Silver Surfer, Generation Gold - an Euphemismen für die Lebensphase, die früher einfach nur Ruhestand hieß, herrscht kein Mangel. Weil das Alter heute für die meisten Alternden nichts mit Gebrechlichkeit zu tun hat, müssen sie es nicht erdulden, sondern können es aktiv gestalten. Dass darin ein Marktpotential liegt, hat nicht nur die Tourismusbranche längst erkannt. Das neue Verständnis zeigt sich auch darin, wie wir im Alter wohnen. Ebendas ist Thema einer Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nicht jedem ist Gesundheit bis ins hohe Alter vergönnt. Jeder Zehnte der Generation „65 plus“ ist auf einen Rollator angewiesen, 17,8 Prozent auf einen Stock, 4,4 Prozent auf einen Rollstuhl. Ergo ist altersgerechtes Wohnen für viele eine Notwendigkeit. Jeder vierte Senior benötigt heute eine barrierefreie Wohnung - und der Bedarf steigt: 2009 waren 17 Millionen Deutsche älter als 65 Jahre, das sind 21 Prozent der Bevölkerung. 2060 werden es 22 Millionen sein. Doch nur weniger als fünf Prozent der Bestandswohnungen sind altersgerecht.

          Altern wir wirklich so anders als vor dreißig Jahren? Zu Beginn der Ausstellung suggerieren schwarzweiße Fotos von Barbara Klemm, dass sich seit 1970 wenig geändert hat. Die jungen Alten überqueren, mit Einkaufstüten schwer bepackt, den Zebrastreifen, plauschen auf der Parkbank, sitzen theaterfein mit Nerz und Stola im Foyer, lehnen, die Straße im Blick, auf der Fensterbank.

          Produktschau mit Hackenporsche-Teststrecke

          Ein öffentliches Altern, nicht separiert in Seniorenresidenzen am Stadtrand, das ist die - seit Jahrzehnten offenkundig kaum geänderte - helle Seite des Lebens der älteren Generation. Doch wie gehen wir mit den hässlichen, beschwerlichen Seiten des Alters um? Das Architekturmuseum zeigt 35 unterschiedliche Wohnprojekte, die nur eines eint: Sie wollen die Bewohner in die Lage versetzen, so lange wie möglich und auch, wenn die Kräfte schwinden, selbstbestimmt zu leben. Streckenweise wird dabei die als Wohnfläche inszenierte Ausstellung fast zur Produktschau, eine Art Messe für barrierefreies Wohnen: Da steht ein Smart in der Ecke, Bote für Carsharing-Angebote. Ein Aufzug, Modell „Romantik“ mit geblümter Tapete, öffnet seine Türen wie in einer amerikanischen Seniorenresidenz. In einer Vitrine liegt das Equipment zum sorglosen Älterwerden zu Hause: ein Seniorentelefon mit extra großen Tasten, ein Bewegungssensor, ein Hausnotrufsystem. Fazit: Wir können uns technisch aufrüsten, können uns wappnen. Der Bruch mit vertrauten Lebensgewohnheiten ist nicht mehr nötig.

          Auch darauf, wie sich das Alter anfühlt, bietet die Ausstellung einen Vorgeschmack. Wer will, kann einen Rollator oder einen „Hackenporsche“, also einen Einkaufstrolley, durch die Gänge schieben.

          Die Vorstellungen von altersgerechtem Wohnen sind genauso heterogen wie die Lebensentwürfe. 96 Prozent der deutschen Senioren wohnen in Privathaushalten, nur vier Prozent in Altenheimen oder anderen Gemeinschaftseinrichtungen. Nicht jeder möchte mit anderen Senioren eine Hausgemeinschaft bilden, mancher entscheidet sich bewusst für das Pflegeheim. Freilich: Mit zunehmendem Alter gewinnt das Zuhause an Bedeutung - daheim bleiben und durch einen ambulanten Pflegedienst unterstützt werden wollen 59 Prozent der für eine Studie Befragten, 31 Prozent bevorzugen ein Pflegeheim, ein Fünftel will ins Mehrgenerationenhaus, nur etwas mehr als jeder Zehnte wünscht sich eine Alten-WG.

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