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Ungarn-Kommentar : Urviech eines Autokraten

Wenn Victor Orbáns Palast auf der Buda-Seite von Budapest fertig ist, blickt er über die hinweg auf den Hungerpoeten Attila József. Bild: Balazs Mohai/EPA

Viktor Orbán hat seinen Platz in der Liga der zeitgenössischen Autokraten gefunden. Bald zieht er in seinen Palast am Ufer der Donau. Gegenüber sitzt, den Hut in der Hand, ein in Bronze gegossener Kommentar seiner Herrschaft.

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          Als Fidel Castro noch lebte, verfolgten wir fasziniert, was der Mann auf seiner Insel wieder alles angestellt hatte: unbeugsame Dissidenten eingesperrt, eine weitere Fünf-Stunden-Rede gehalten, den baldigen Untergang des Kapitalismus prophezeit. Manchmal verschwand bei diesen Nachrichten die Barbarei seiner Politik hinter dem wohligen Grusel, es mit dem konkurrenzlos pittoresken Urviech des zeitgenössischen Diktators zu tun zu haben. Keiner würde im Amt so alt werden wie er; niemand produzierte ähnliche Showeffekte. Wenn man nach Havanna kam, nahmen Geschichten und Legenden eher noch zu, weil die Kubaner aus der Nähe viel mehr über ihren „Máximo Líder“ wussten als die Weltöffentlichkeit, aber genauso wenig dagegen tun konnten.

          So auch in Budapest bei Viktor Orbán, der zum neuen Urviech des osteuropäischen Autokraten zu werden verspricht. Jeder meiner ungarischen Gesprächspartner hat Horrorgeschichten aus dem Dunstkreis des Orbán-Regimes zu erzählen. Manche von ihnen haben den Job verloren. Ein Jurist beugt sich nach vorn und sagt leise: „Ich glaube, mein Bürotelefon wird abgehört.“ Und doch überwiegt bei allen der Drang, die Wirkung des Mannes in allen Facetten zu beschreiben und die richtigen Worte für ihn zu finden.

          Wirr, weise und groß

          Der tiefste Kommentar zur Orbán-Herrschaft aber steht an der Donau, genauer: Er sitzt. Es ist die lebensgroße Skulptur des Hungerpoeten Attila József (1905 bis 1937), des großen ungarischen Avantgardisten, nach dem allein in Budapest mehr als zehn Straßen benannt sind und der hier ungefähr dieselbe Rolle spielt wie Fernando Pessoa in Portugal und James Joyce in Irland: als kreativer Außenseiter und Sonderling, der das Land, während es döste, in die literarische Moderne geführt hat.

          Es heißt, weil József vor bald hundert Jahren der illegalen Kommunistischen Partei angehörte, habe Orbán seine Skulptur nicht mehr auf dem Parlamentsplatz haben wollen. Aber da, wo der schmale Dichter jetzt sitzt, den Hut in der Hand, den Mantel achtlos auf die Stufen geworfen, immer noch in der Nähe des Parlaments, aber fast mit dem Rücken zum politischen Betrieb, sitzt er viel besser. Er blickt auf den Fluss hinaus, dem er sein berühmtestes Gedicht gewidmet hat, „An der Donau“, und jeder, der nach Budapest kommt und Lust hat, über Orbán zu schimpfen, sollte lieber ein paar Verse von Attila József murmeln – „Ein gewaltiger Strom, der meinem Herzen entfloss, / Das war die Donau, wirr, weise und groß.“

          Und wem das nicht genug ist, der sollte daran denken, dass demnächst, wenn Orbán den Palast auf der Buda-Seite fertig hat, in den er umziehen will, um standesgemäß zu regieren, nicht nur Orbán über die breite Donau hinweg auf Attila József blickt, sondern auch Attila József auf Orbán. Und vielleicht schaut der Ministerpräsident dann für einen Augenblick über die Gegenwart hinaus und hält inne, weil er nicht alles lenken und nicht alles manipulieren kann, erst recht nicht die Schönheit der ungarischen Sprache. Andere überdauern um ihretwillen, nicht er. Wie heißt es bei Attila József? „Ihnen gehört das Jetzt, mir die Geschichte.“

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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