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Musikalisches Erbe : Woher kommt unser Musikgeschmack?

  • Aktualisiert am

Mick Jagger und Keith Richards Bild: Picture-Alliance

Welche Musik wir mögen oder hassen, haben wir uns nur teilweise selbst ausgesucht – die Prägung durchs Elternhaus spielt eine wichtige Rolle. Sieben Redakteure wagen die Selbstanalyse.

          Diese heikle „tatatata taaaaaaa!“-Stelle

          Julia Encke, Redakteurin im Feuilleton der F.A.S.

          Wenn wir, als wir Kinder waren, sonntags zu Hause am Tisch saßen und aßen, lief im Hintergrund eigentlich immer irgendeine Klassiksendung im Radio. Meistens waren das Choräle, die mein Tenor singender Vater mitsummte (macht er heute noch!), oder irgendein Streichquartett oder -quintett. Und regelmäßig war es so, dass, wenn gerade jemand von uns, also meine Brüder oder ich, dabei waren, etwas für uns sehr Wichtiges zu erzählen, wir in jenem Moment, in dem die Ansage des Sprechers kam, die bekannt gab, wer da jetzt genau was in welcher Tonart gespielt hatte, sofort ruhig sein mussten. So eine Nummer aus dem Köchel- oder sonst einem Werkverzeichnis war einfach wichtiger als alles andere.

          Ich mag keine Musik im Hintergrund mehr. Und mir ist es, wenn bei anderen welche läuft, auch egal, wer da gerade spielt. Nur bei Cello-Konzerten ist es anders. Da muss ich hinhören, jedenfalls dann, wenn sie von Elgar, Saint-Saëns, Chatschaturjan oder Schostakowitsch sind. Denn wenn ich schon längst schlafen sollte, übte mein älterer Bruder, der heute Musiker ist, im Zimmer neben meinem abends Cello. Er spielte nicht einfach, er übte die schweren Stellen.

          Camille Saint-Saëns: Cello-Konzert Nr. 1 in A-Moll, Opus 33

          Vielleicht hatten die vielen Wiederholungen etwas Meditatives, vom Einschlafen hielten sie mich nicht ab. Sie prägten sich mir ein und machten mich, noch im Halbschlaf, zur Expertin für schwere Stellen in Cellokonzerten, die ich noch heute alle auswendig kenne (Sie wissen schon, etwa bei Dvořák, „ta tata ta“, diese heikle „tatatata taaaaaaa!“-Stelle). Der sehnsüchtige Klang des Cellos im Konzert von Edward Elgar ist für mich bis heute der schönste von allen.

          Edward Elgar: Cello-Konzert in E-Moll, Opus 85

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          Der schiefe Gesang alter Männer

          Maja Brankovic, Redakteurin in der Wirtschaft

          Als ich sechs Jahre alt war, räumten sie unsere Wohnung aus. Die Schranktüren waren weit aufgerissen, die Schubladen zum Teil zerstört, überall lagen Dokumente. Am schlimmsten waren die Fußabdrücke auf den weißen Bodenfliesen. Die Einbrecher waren durch den Vorgarten unseres kleinen Reihenhäuschens gelaufen, hatten das Fenster aufgehebelt und so ziemlich alles mitgenommen, was sie tragen konnten: Meiner Mutter klauten sie den wenigen Schmuck, den sie damals besaß. Meinem Vater nahmen sie die Plattensammlung weg.

          Der Verlust meiner Mutter muss groß gewesen sein. Aber ich möchte nicht wissen, wie sich mein Vater damals gefühlt hat. In seiner Jugend im sozialistischen Jugoslawien hatte er eine Leidenschaft für Rockmusik entwickelt und Dinar um Dinar in seine Vinyl-Sammlung gesteckt. Als er in den achtziger Jahren nach Deutschland kam, waren die Platten sein einziger materieller Besitz.

          Damals konnte ich den Verlust meines Vaters nicht nachempfinden. Ich hielt alles, was Mick Jagger, Roger Waters, Ritchie Blackmore oder Jimmy Page zum Besten gaben, für fürchterlichen Krach. Dass die Sonntage nicht mehr vom schiefen Gesang alter Männer überschallt sein müssen, dem Gesang meines Vaters inklusive – warum sollte mich das weiter stören? Wer weiß, vielleicht würde ich mich sogar endlich mit meinen Rolf-Zuckowski-Kassetten durchsetzen können? Konnte ich nicht. Die Platten waren zwar weg, aber die wenigen CDs, die er mittlerweile angesammelt hatte, hatten den Einbruch überlebt. Led Zeppelin, die Rolling Stones und Deep Purple blieben mir erhalten.

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