https://www.faz.net/-gqz-7mf6s

Der neunte Tag der Berlinale : Wo war Dieter Kosslick?

  • -Aktualisiert am

Eigentlich erfordert die Festival-Diplomatie, dass Dieter Kosslick nicht nur mit Bill Murray über den roten Teppich spaziert, sondern auch mit Ramasan Minkailov: Bei der Gala des Wettbewerbsbeitrags „Macondo“ jedoch glänzte der Berlinale-Chef durch Abwesenheit.

          3 Min.

          Mit dem österreichischen Beitrag „Macondo“ und dem japanischen Geschichtsfilm „The Little House“ von Yoji Yamada ging am Freitag der Wettbewerb der 64. Berlinale zu Ende. Ich hatte während des Festivals das Privileg, meinen Schwerpunkt nicht auf die in der öffentlichen Wahrnehmung wichtigste, dabei aber keineswegs interessanteste Sektion legen zu müssen. Nun wollte ich mir aber noch einen Eindruck verschaffen, wie sich das denn so anfühlt: eine Wettbewerbs-Gala bei der Berlinale. Denn da gibt es natürlich große Unterschiede.

          Die Premiere von „Macondo“ fand um vier Uhr nachmittags statt, das Aufkommen an Fans am Rande des roten Teppichs war auch deswegen gering, weil die angekündigten Stars erst noch berühmt werden müssen: Ramasan Minkailov, der einen tschetschenischen Asylwerber in Österreich spielt, hat zwar alle Qualitäten, die es für die große Leinwand braucht. Aber er ist ein Knirps, der gerade erst für seine erste Rolle entdeckt wurde. Die Regisseurin Sudabeh Mortezai hat davor einen Dokumentarfilm über befristete Ehen im Iran gemacht. „Macondo“ ist ihr Spielfilmdebüt, ein fein beobachtetes, kleines Drama, bei dem man nebenbei den Eindruck bekommt, dass die österreichische Flüchtlingspolitik eigentlich sehr zivil ist, was sich nicht mit allen Berichten deckt, die ich sonst so mitbekomme.

          Eine Wahrheit über die Schattenseite des Erfolgs

          Der Berlinale-Palast war dann zumindest im Parkett einigermaßen gefüllt, für das Filmteam gab es einen halbwegs zeremoniellen Auftritt, ein professioneller Moderator brachte das alles so la la über die Bühne und leitete dann mit den seltsam anmutenden Worten „roll the film please“ zur Vorführung über. Danach gab es warmen Applaus, und die Regisseurin musste selbst die Vorstellung ihres Teams moderieren.

          Die Darsteller Aslan Elbiev (l.) und Ramasan Minkailov, die österreichische Filmemacherin Sudabeh Mortezai und die Schauspielerin Kheda Gazieva auf dem roten Teppich vor der Premiere von „Macondo“
          Die Darsteller Aslan Elbiev (l.) und Ramasan Minkailov, die österreichische Filmemacherin Sudabeh Mortezai und die Schauspielerin Kheda Gazieva auf dem roten Teppich vor der Premiere von „Macondo“ : Bild: dpa

          Mich beschäftigte derweil die naheliegende Frage: Wo war Dieter Kosslick? Offensichtlich gibt er nicht allen Wettbewerbsfilmen die Ehre, was ich eigentlich unbedingt erwartet hätte. Der Direktor der Berlinale ist gewiss ein vielfach beanspruchter Mann. Aber es erscheint mir doch wie ein essentieller Akt von Festival-Diplomatie, dass die Beiträge des Wettbewerbs auch zeremoniell gleich behandelt werden, und das bedeutet eben, dass Kosslick nicht nur mit Bill Murray über den roten Teppich spaziert, sondern auch mit Ramasan Minkailov. „Macondo“ war auch ohne den Direktor ein Erfolg, und doch will mir erscheinen, dass in dessen Abwesenheit eine Wahrheit über die Schattenseite des riesigen Berlinale-Erfolgs zu erkennen ist.

          Ein anderes Interesse am Kino

          Kosslick hat das Festival groß gemacht, man könnte geradezu von einem Boom sprechen. Doch das Wachstum hat seinen Preis. Für den Wettbewerb bedeutet es zum Beispiel, dass das Gros der Vorstellungen an Orten stattfindet, die keine Kinos sind, sondern eben Theater: der Berlinale-Palast, der Friedrichstadtpalast, das Haus der Berliner Festspiele, allesamt im Grunde eine Zumutung für Filmvorführungen. In Cannes oder gar in Venedig ist die Sache nicht besser, doch das sind Provinzstädte, während die Berlinale in einer Metropole stattfindet und über eine Vielzahl von exzellenten Sälen verfügt. Was dem Festival fehlt, ist im Grunde nicht viel, es ist aber etwas, was sich in einem Detail wie dem, dass ein Beitrag wie „Macondo“ im Grunde sich selbst überlassen wird, zu erkennen gibt: es fehlt ein Gespür für ein Interesse am Kino, das einer anderen Logik gehorcht als der von Märkten.

          Sein Festival soll die ganze Stadt erreichen, nach Möglichkeit die ganze Welt: Berlinale-Chef Dieter Kosslick
          Sein Festival soll die ganze Stadt erreichen, nach Möglichkeit die ganze Welt: Berlinale-Chef Dieter Kosslick : Bild: dpa

          Für Kosslick ist die Sache klar: Er will, dass das Festival die ganze Stadt, oder am besten gleich die ganze Welt erreicht. Nur so ist es zu legitimieren, dass ein Saal wie der Friedrichstadtpalast bespielt wird, ein monströses Auditorium mit Proportionen, die mit Kino wirklich nicht das Geringste zu tun haben. Ich will keineswegs einem hehren Essentialismus das Wort reden, im Zweifelsfall schaue ich mir Filme auch einfach dort an, wo sie zu sehen sind. Doch jedes Jahr bleibt von der Berlinale der Eindruck, dass es sich im Grunde um zwei Festivals handelt. Das eine ist ein Labor, in dem wirklich viel ausprobiert werden darf, von dem hochreflexiven Forum Expanded bis zu der Camp-Stimmung bei den Berlinale Talents. Das eine ist ein einziges langes Sponsorentreffen mit Staraufmärschen. Ist es zuviel verlangt, von einem Direktor zu erwarten, dass er diese beiden Teile zumindest durch einige kluge Zeichenhandlungen zusammenhält? Durch Momente, in denen er ein genuines Interesse erkennen lässt? Vermutlich. Ein Mensch kann nicht überall sein, nicht einmal, wenn er Yoga macht.

          „Macondo“ läuft übrigens am Sonntagabend noch einmal, dann im International, einem Prachtkino im früheren Ost-Berlin. Der Sonntag ist der Kinotag, die professionellen Besucher wie ich sind dann auch ganz normales Publikum, ich kann an keiner Schlange mehr vorbeigehen und durch Zücken einer Plastikkarte einen Sonderstatus beanspruchen. Es wäre interessant, den Terminplan von Dieter Kosslick für diesen Sonntag einsehen zu können. Es geht an diesem Tag nämlich nur noch um die Filme.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Lieber was Eigenes: Ein Einwohner von Wuhan erhält eine Impfung mit dem chinesischen Sinopharm-Vakzin.

          Impfstoffe : China bremst BioNTech aus

          Die Verhandlungen liefen bereits, man war zuversichtlich. Eine Milliarde Impfstoffdosen im Jahr wollte das Unternehmen auf dem größten Markt der Welt verkaufen. Doch daraus wird wohl nichts.
          Größerer Bundestag, mehr Stühle: Arbeiter bereiten den Plenarsaal vor.

          Posten und Plätze : Wer sitzt wo im neuen Bundestag?

          In wenigen Tagen tritt das neu gewählte Parlament zusammen. Stühle werden geschraubt und Posten verteilt – etwa im Bundestagspräsidium. Auch um die endgültige Sitzordnung wird noch gestritten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.