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Medien und Katastrophenschutz : Fehler im System

In Ahrweiler hat das Hochwasser bergeweise Schutt zurückgelassen. Bild: Lucas Bäuml

Eine RTL-Reporterin beschmiert sich mit Schlamm. Dann entschuldigt sie sich. WDR und SWR werden wegen fehlender Warnungen kritisiert. Welche Lehren ziehen Medien aus der Hochwasserkatastrophe an Ahr und Erft?

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          Es ist viel passiert. Die Überschwemmungskatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat mehr als 170 Menschen das Leben gekostet. Sie hat materielle Schäden in Milliardenhöhe angerichtet. Sie hat die Politik aufgerüttelt und die Debatte über den Klimaschutz zugespitzt. Sie hat Schwachstellen des Warnsystems aufgedeckt, Lücken in der Informationsgebung der Behörden und der Medien.

          An Ahr und Erft sind die Aufräumarbeiten im Gange, zeigt sich die Hilfsbereitschaft der Menschen und wozu die professionelle Katastrophenbewältigung in der Lage ist. Dass die Kommunikation ein Schwachpunkt war, bestreitet niemand. An welchen Punkten anzusetzen ist, erscheint weniger klar. Auch ob der WDR in seiner Berichterstattung so großartig war, wie es intern hieß, oder so miserabel, wie ihm von Kritikern vorgehalten wird. Grund zur Selbstkritik sieht der Sender inzwischen. Der WDR steht im Feuer.

          „Den Wiederaufbau ganz nah begleiten“

          Am SWR, dessen Intendant Kai Gniffke in seinem Blog davon berichtet, er sei 800 Kilometer unterwegs gewesen, um die Mitarbeiter in den Studios in Trier, Koblenz und Mainz zu besuchen und sich ein Bild zu machen, wird zurückhaltend Kritik geübt. Man werde als Regionalsender auch dann vor Ort bleiben, „wenn die Karawane der überregionalen Medien weitergezogen ist“, und „den Wiederaufbau in den kommenden Jahren ganz nah begleiten“, schreibt der Intendant. Ob er damit alle überregionalen Medien meint? Wenigstens bei den Regionalen, deren Kommentierung er in Gestalt der Stuttgarter Zeitungen aufs Korn nimmt, sollte er mit dem Tritt vors Schienbein vielleicht vorsichtig sein.

          Und sich, anstatt sich und seinen Sender über andere zu erheben, mit der Frage beschäftigen, die das Medienportal dwdl aufwirft: „Warum hat die Warnmeldung den SWR nicht erreicht?“ Gemeint ist die Hochwasser-Warnung des Modularen Warnsystems (Mowas) des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die, den Recherchen zufolge den SWR angeblich nicht erreicht hat, wohl aber das private Radio Energy und die Madsack-Gruppe. Dem Fehler im System sollte man dringend nachgehen. Und der SWR täte gut daran, weniger dicke Backen zu machen, es dem WDR gleichzutun und dafür sorgen zu wollen, dass sich so etwas nicht wiederholt. Stichwort: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist unentbehrlich und allen anderen überlegen.

          Passiert ist indes auch etwas bei RTL. „Mir als Journalistin hätte das niemals passieren dürfen. Als Mensch, dem das Leid aller Betroffenen zu Herzen geht, ist es mir passiert. Ich bitte um Verzeihung“, schreibt die RTL-Moderatorin Susanna Ohlen auf Instagram. Was war ihr „passiert“? Sie hatte für eine Reportage aus dem Hochwassergebiet ihre Kleidung mit Schlamm beschmiert. Nachdem sie an den Tagen zuvor „privat in der Region geholfen“ habe, „habe ich mich vor den anderen Hilfskräften an diesem Morgen geschämt, in sauberem Oberteil vor der Kamera zu stehen. Daraufhin habe ich mir, ohne zu überlegen, Schlamm auf meine Kleidung geschmiert“.

          Kann so etwas „passieren“? Schaut man sich das Video an, auf dem zu sehen ist, wie sich die RTL-Reporterin einsaut, sieht das nicht nach „Ist mir passiert aus“. RTL hat die Reporterin beurlaubt.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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