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Kolumne „Bild der Woche“ : Der heilende Effekt des Schnees

  • -Aktualisiert am

„Cerf-volant“ von Catherine Henriette, entstanden auf dem zugefrorenen chinesischen Fluss Songhua Bild: Catherine Henriette/Galerie Sitdown

Die französische Fotografin Catherine Henriette dokumentiert, wie in China im Namen des Profits die Stille verschwindet. Die Bilder ihrer Serie „Wintermärchen“ sind auf dem zugefroren Fluss Songhua entstanden.

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          Verschneiter, zugefrorener Fluss. Milchiger Himmel. Alles ist weiß. Nur zwei kleine Figuren im Schnee. Wie ein dunkler Punkt: ein Mann in der Ferne. Er zieht einen Schlitten hinter sich her. Der zweite Mann trägt eine Mütze und eine dunkle Hose. Seine Jacke ist weiß. Sie verschmilzt aber nicht mit dem weißen Hintergrund.

          Das Weiße hat verschiedene Färbungen: für den Himmel, für den Schnee, für die Kleidung. Der Mann lässt einen Drachen steigen. Der Drachen scheint frei zu sein. Er bildet einen bunten, zarten Schnörkel in der weißen Welt. Auch er hat weiße Glieder, die seinen Körper unsichtbar werden lassen. Er zeichnet eine Punktlinie, als würde auch er sich in dieser uferlosen Weiße auflösen wollen. Alles ist still und gelöst. Wir hören kein surrendes Geräusch des gelbköpfigen Drachens. Auch der Mann, der den Bewegungen des Windes nachgeht, der mit dem Wind spielt, ist still. Die Fotografin fängt den Moment ein, in dem der Drachen gerade eine Schleife macht, aus der Schleife herausstrebt, weiter, vielleicht mit höchster Geschwindigkeit. Der Moment ist eingefroren. Wir sehen den Looping, die Stille, die Leere.

          Ich habe die Winterfotos der französischen Fotografin Catherine Henriette auf Paris Photo, der größten Fotomesse der Welt, zwischen Tausenden anderer Bilder entdeckt. In der farbenfrohen Welt der Messe sind sie mir in Erinnerung geblieben als Zäsur, als eine Pause in einer unendlichen Reihe von visuellen Aussagen. Bestimmt war es der heilende Effekt des Schnees, aber auch der unerwartete Einbruch in die Realität: Die weißen Bilder wirkten auf den weißen Wänden wie eine illusionistische Malerei, die die Wand in eine dritte Dimension öffnet.

          Diese Bilder zogen mich allein schon durch ihr Format an: Ungewöhnlich klein winkten sie mich mit ihren minimalistischen Zeichen heran. Man kennt diesen Effekt: Wenn jemand leise spricht, dann hören plötzlich alle zu. Ich kam näher und schaute mir die Serie „Conte d’hiver“ („Wintermärchen“) aus China genauer an. Der endlose weiße Raum, der aus diesen Bildern sprach, war en miniature dargestellt, tragbar, domestiziert für die Seele.

          Dieses Bild ist in der Mandschurei auf dem zugefrorenen Fluss Songhua entstanden. Catherine Henriette beobachtet China seit über dreißig Jahren in seinem Aufbruch: immense moderne Baustellen, Menschenmengen, die rasende Entwicklung der Städte und auch in den Provinzen – das Verschwinden der Stille im Namen des Profits. „Conte d’hiver“ ist ein Märchen, das von Momenten und Orten erzählt, an denen sie versucht, ein „inneres“ China einzufangen. In der chinesischen Malerei gibt es ein traditionelles Genre der weißen Landschaftsbilder („Shanshui“ – „Berg und Fluss“), das der zeitgenössische Maler Qiu Shihua zum logischen Höhepunkt gebracht hat: Es sind weiße Bilder, die keine Orientierung geben, keine Bewegung in sich haben und kein Ankommen zeigen, oder wie der Künstler sagt: „Im Zustand Null offenbart sich das ursprüngliche Antlitz der Seele.“

          Magie des Jahreswechsels

          In diesem Bild von Catherine Henriette gibt es alles zwei Mal, gespiegelt, wiederholt, minimalistisch variiert, in einer beinahe mathematischen Formelhaftigkeit. Vielleicht gibt es auch hier eine Frage an Physiker, die sich mit der Loop-Theorie beschäftigen. Zwei Männer: Der eine macht etwas Pragmatisches, wenn er seinen Wagen zieht, er hat ein Ziel und bewegt sich in seine Richtung. Der zweite spielt. „Pensionierte Kinder“ nennt die Fotografin solche alten Männer. Sie haben Zeit zum Spielen. Sie bauen ihre Drachen selbst. Sie spielen mit der Zeit, sie ziehen an der Zeit, sogar wenn die Zeit schleicht. Der Drachen ist kein vergängliches Feuerwerk. Es gibt den Himmel und den Fluss, der irgendwann auch wieder fließt, aber noch nicht jetzt. Himmel und Fluss teilen das Bild in zwei weiße Segmente. Die Menschen hängen mit ihren Köpfen am Horizont, der Drachen, mit dem in der chinesischen Tradition der Frühling begrüßt wird, schwebt im Himmel. Er schießt nach links, unserer Vorstellung einer Richtung von Zeit, die sich nach rechts bewegt, entgegen. Der Drachen soll das erste fliegende Objekt der menschlichen Geschichte gewesen sein. Das chinesische Wort für den fliegenden Drachen besteht aus den beiden Zeichen für „Wind“ und „Zittern“. Was ist hier zeitlos und was ist gegenwärtig?

          Das Bild erinnert mich an meine Sehnsucht nach Schnee, nach Erneuerung, daran, von einem unberührten Punkt aus weiterzuziehen, in die Magie des Jahreswechsels. Der Drachen hat eine Schleife gemacht, und die Ziffer „9“ („neun“ wie neu) blinzelt mir zu. Die ersten Tage des neuen Jahres scheinen still und unbeweglich, dabei rast es bereits surrend durch den schneelosen Himmel.

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