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WM-Kolumne „Einserkette“ : Wir werden wollen

  • -Aktualisiert am

Er würde gerne siegen, und viele andere auch: Brasiliens Neymar Bild: REUTERS

Jeder sagt, er wolle gewinnen. Und fast alle werden als Verlierer nach Hause fahren. Sollte man seine Ziele da nicht noch einmal überdenken?

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          Was wollen wir werden? Nein, nicht, wenn wir groß sind. Ich denke da mehr an die kommenden vier Wochen. Und da ist sonnenklar, was wir alle werden wollen: Wir wollen Weltmeister werden! So sagen es die deutschen Nationalspieler zum Turnierbeginn in Brasilien. „Ich will nur den Titel!“, tönt pflichtgemäß Neymar, der Jungstar der Gastgeber. Aber auch der geniale italienische Fußballgreis Andrea Pirlo schreckt den Rest der Welt: „Wir sind hier für die Coppa.“ Das klingt nur versehentlich nach großem italienischem Stracciatella-Eisbecher mit Schlagsahne und meint nichts anderes als den Goldpokal.

          Nach Expertenmeinung der Lissabonner Sportpostille „A Bola“ ist auch „Portugal einer der großen Kandidaten“. Noch nötig zu erwähnen, dass auch die Niederländer - immerhin amtierende Vizeweltmeister - vom Titel träumen und im grassierenden „Oranjefieber“ bereits ganze Städte nach alter Landessitte in Apfelsinenfarbe eingetönt haben? Dass die Argentinier ganz offiziell auf einer „Misión Mundial“ unterwegs sind? Dass die Briten sich „stark wie nie“ fühlen? Und dass die Spanier als Titelverteidiger fest darauf rechnen, einmal im legendenumwobenen Maracanã-Stadion von Rio zu gewinnen. Und das geht organisatorisch für sie nur im Finale.

          Es steht 1:31

          Alle wollen gewinnen. Wahrscheinlich träumt sogar der Mittelstürmer von Honduras den Große-Jungen-Traum, in der Schlussminute des Endspiels das entscheidende Tor für sein Land zu machen. Sieg, Weltmeister, Delirium, Unsterblichkeit ... Dabei liegt das Teilnehmerland Honduras auf der Weltrangliste abgeschlagen auf Platz 33 und auf der Wettrangliste noch weiter unten. Bei einem WM-Titel von Honduras oder von Iran würde man 3000 Euro für einen eingesetzten Euro gewinnen. In dieser Hinsicht funktioniert Fußball nicht anders als Lotto: Jeder darf vom Volltreffer träumen.

          Schon rein rechnerisch wird nur einer der 209 Mitgliedsverbände des Weltfußballs sich am Ende Weltmeister nennen dürfen; die Chance beim Turnier liegt bei 1 gegen 31. So eine Weltmeisterschaft produziert Loser massenweise. Wer das ganz genau weiß, ist kurioserweise das Staatsoberhaupt eines Landes, das als eines der ganz wenigen keine offizielle Nationalmannschaft an Wettbewerben teilnehmen lässt. „Es wird nur einen Gewinner geben“, warnt Papst Franziskus rechtzeitig zu Turnierbeginn. Der Mann, der in einem anderen Leben als Jorge Bergoglio mit dem argentinischen Hauptstadtclub San Lorenzo mitfieberte, preist die Weltmeisterschaften im Radio Vatikan dennoch als „Solidaritätsfest zwischen den Völkern“, als „Schule des Friedens“.

          Dieser Optimismus wird im langen Turnierverlauf noch zu überprüfen sein. Zu Beginn steht nur fest, dass dieses Globalspiel zuallererst eine Schule des Verlierens sein wird. Darum würde ich mir auch einen anderen Spieler als diesen superoptimistischen Mentalmuskelmann aller Länder wünschen: „Wir wollen den Pokal!“ Wie wäre es zur Abwechslung mit einem nachdenklichen Typ, der leise in die Mikrofone diktiert: Realistisch ist es ja nicht, dass ausgerechnet wir Weltmeister werden. Auch kein Beinbruch, wenn wir sang- und klanglos in der Vorrunde ausscheiden. Das passiert ja sowieso vielen. Und dann endlich ab in den vorsorglich gebuchten Urlaub mit der Freundin ... Aber wer will solche ehrlichen Einschätzungen schon hören? Was wir stattdessen ganz sicher wissen, ist: Was wir werden wollen. Weltmeister natürlich.

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