https://www.faz.net/-gqz-7qpzx

WM-Kolumne „Einserkette“ : Ruhm und Ehre den Verteidigern!

  • -Aktualisiert am

Die Mauer - hier eine amerikanische im Spiel gegen Portugal - muss stehen, ohne gute Abwehr hat noch niemand ein Turnier gewonnen. Bild: dpa

Spätestens seit den beiden Gegentoren gegen Ghana ist klar: Die deutsche Mannschaft muss defensiv nachbessern. Mehr noch: Die Abwehr muss wieder mit mehr Aufmerksamkeit und einem besseren Image bedacht werden.

          2 Min.

          „Wir müssen die Defensive stark machen.“ Was so klingt wie das Zitat eines preußischen Generals, hat nach dem Offensivspiel gegen Ghana unser ganz unpreußischer Bundestrainer Joachim Löw geäußert. Für diese Mahnung eines Mannes, dem Kritiker einen ungebremsten Hang zur schönspielenden Attacke nachsagen, ist es allerhöchste Zeit. „Wir müssen die unnötigen Ballverluste abstellen“, springt Defensivstratege Mats Hummels seinem Übungsleiter zur Seite. Und wer beim Unmut des Tormanns Manuel Neuer, dem schon das überschätzte Portugal-Spiel defensiv nicht behagte, genau hinhört, dem wird bei Kernfragen wie Zuordnung, Umschaltspiel und Gegenpressing angst und bange. Der passende Moment also, über die Kunst des Verteidigens nachzudenken.

          In Italien hat ein argentinischer Nihilist namens Helenio Herrera einst den „Catenaccio“ - die berüchtigte Total-Riegeltaktik - erfunden. Dort dürften die Kenner des Spiels über das stellenweise spektakuläre 2:2 der Deutschen gegen Ghana eher die Nase rümpfen. Was gibt es denn da zu goutieren? Wo waren, als es auf beiden Seiten darauf ankam, die Abwehrspieler? Was fabrizierten denn am Ende, als jede Minute ein Tor hätte fallen können, die Absicherer, die wenigstens dieses eine kostbare Pünktchen hüteten, statt den Ertrag des mühseligen Hitzekampfes auf einen Schlag sorglos zu verschwenden?

          Bedingt abwehrbereit reicht nicht

          Die Popstars des deutschen Spiels mit Millionen Fans, die Özils und Götzes, ziehen alle medialdigitale Aufmerksamkeit auf sich. Italiener, die ihre Weltmeisterschaft 2006 mit einer unbezwingbaren Defensive eroberten, sagen zu solch einer Wahrnehmungstrübung: Die Stürmer werden nur beschäftigt, um die Eintrittskarten zu verkaufen. Doch die Spiele, ganze Turniere gar gewinnt die Abwehr. Für die eventuell fünf Endspiele, die der deutschen Defensive jetzt bevorstehen, benötigt sie nach den Aussetzern gegen Ghana dringend Stabilität. Dabei hat Löw seit Jahren die Kapitänsbinde einem Abwehrspieler anvertraut. Doch seit Lahm im Mittelfeld aushelfen muss, schwächelt er sichtlich.

          Sind die glorreichen Zeiten, da es mit Eisenfuß Höttges, Terrier Vogts, Katsche Schwarzenbeck oder dem Libero Beckenbauer ein Ehrentitel war, die deutsche Abwehr zu stärken, tatsächlich vorbei? Ich habe mich immer gefragt, wie man Verteidiger wird. Einige, wie die Dortmunder Nationalspieler Durm und Großkreuz, kamen auf dem zweiten Bildungsweg in die Abwehr. Sie waren vorne überzählig. Es ist auch schwer vorstellbar, dass kleine Kinder sagen: Ich will keine Tore schießen, sondern verhindern. Will nicht vortanzen, sondern dem Vortänzer auf die Füße treten. Wie fies das schon klingt: Ausputzer, Stopper, Manndecker. Aber genau solche Glücksasketen machen den Erfolg des Kollektivs aus.

          Doch alle kleinen Jungen wollen eben Stürmer sein, wollen die Torjägerkanone gewinnen. Klose strebt da mit seinen summierten 15 WM-Toren nach historischen Ehren, hat uns das Unentschieden gerettet, springt Seniorensalto. Aber nachdem uns zwei unauffällige Abwehrfehler den Sieg gekostet haben, steht die Frage in der löchrigen Raumdeckung: Warum gibt es keine Ewigkeitskrone für Verteidiger? Warum nicht den goldenen Betonfuß? Das Tackling aus Silberdraht? Mir ist die Grätsche des Abends oft lieber als das Tor des Monats. Doch kein Mensch ehrt die Abwehr, die das Spiel entscheidet.

          Das ist und bleibt das große Missverständnis beim Fußball, der so tut, als bestünde er reinweg aus Attacke. In unserem friedlichen Sozialalltag ist uns doch auch die Wende zum Wesentlichen gelungen. Aus dem Kriegsministerium wurde längst das Verteidigungsministerium. Wir haben keinen Bundes-Angriff, sondern eine Bundeswehr. Jeder moderne Offensivkrieg wird als Abwehrschlacht verkauft. Das klingt einfach besser. Nur im Fußball wird das Image der Defensive weiter schwer vernachlässigt. Baut sie Böcke, lacht das Publikum. Macht sie hinten grandios dicht, ist man günstigenfalls gelangweilt. Ach, wenn wir kommenden Donnerstag doch mehr als nur bedingt abwehrbereit ins Spiel gegen die Vereinigten Staaten gingen!

          Weitere Themen

          Fake news und Lügen

          TV-Kritik „Sandra Maischberger“ : Fake news und Lügen

          Das erste TV-Duell im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf lässt den europäischen Zuschauer ratlos zurück. Bei Maischberger lieferten Trump und Biden-Anhänger ein bezeichnendes Bild für die geistige und seelische Verfassung vieler Amerikaner.

          Topmeldungen

          Moderatorin Sandra Maischberger

          TV-Kritik „Sandra Maischberger“ : Fake news und Lügen

          Das erste TV-Duell im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf lässt den europäischen Zuschauer ratlos zurück. Bei Maischberger lieferten Trump und Biden-Anhänger ein bezeichnendes Bild für die geistige und seelische Verfassung vieler Amerikaner.
          Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) muss heute erstmals vor dem Maut-Untersuchungsausschuss aussagen.

          Gescheiterte Pkw-Maut : Showdown für Scheuer im Maut-Ausschuss

          Im Maut-Untersuchungsausschuss soll der Verkehrsminister heute zum ersten Mal selber aussagen. Es geht um die umstrittenen Verträge mit den gekündigten Maut-Betreibern – und die heikle Frage: Hat Scheuer das Parlament belogen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.