https://www.faz.net/-gqz-7qux0
 

WM-Kolumne „Einserkette“ : Italia? Arrivederci, Addio, Ciao!

  • -Aktualisiert am

Bild: kat menschik

Für unsere europäischen Freunde südlich des Brenners haben die Ungereimtheiten des Schiedsrichters bei der entscheidenden Niederlage gegen Uruguay wieder einmal direkt in die Verschwörungstheorie geführt.

          2 Min.

          Die gute Nachricht zuerst: Am Angstgegner Italien wird die deutsche Mannschaft bei dieser WM nicht scheitern. Dass mit den Azzurri aber die dritte der großen Fußballnationen Europas in der Vorrunde das Handtuch wirft, ist in Wahrheit eine ganz schlechte Nachricht. In Italien selbst kennt man das Gefühl gut. Denn schon 2010 war nach drei Spielen Endstation. Aber diesmal fühlen sich die Weltmeister von 2006 zu Recht benachteiligt.

          Warum mussten sie wie die Deutschen alle Partien in der Hitzezone austragen? Warum sieht ein lateinamerikanischer Schiedsrichter einen Tritt, der keiner war, und zückt Rot? Wieso kann der uruguayische Vampir Suárez seinen italienischen Gegenspieler Chiellini unbemerkt und ungestraft in die Schulter beißen?

          Bei unseren europäischen Freunden südlich des Brenners führen solche Ungereimtheiten direkt in die Verschwörungstheorie. Denn so ähnlich lief das auch beim WM-Ausscheiden 2002 in Fernost, als der - aha! - südamerikanische Schiedsrichter Byron Moreno mit einem seltsamen Platzverweis und einem aberkannten Tor die Italiener gegen den Gastgeber Südkorea aus dem Turnier wies. Später - die Italiener hatten ihre Sommerfeste durch einen Papp-Moreno als Zielfigur fürs Torwandschießen belebt - deutete alles in Richtung Bestechung, denn der obskure Referee kam bald wegen Schmuggels von sechs Kilo Heroin in New York ins Gefängnis.

          Die maßlose Verschwendung von Talenten

          Doch es spricht für die Italiener, die Schuld nicht nur bei anderen zu suchen. Wie in der Politik, wie in der Wirtschaft verschwenden sie auch beim Fußball maßlos ihre begnadeten Talente. Niemand weiß das besser als die Italiener selbst.

          Es ist ein Trauerspiel, das man durchaus mit Italiens miserabler Wirtschaftspolitik im Euro unter Silvio Berlusconi vergleichen kann. Während etwa in Deutschland neue Stadien gebaut, Nachwuchskicker systematisch gefördert und die Ligen attraktiv gemacht wurden, zerbröseln im Land des Calcio die überalterten Arenen, und es kommt immer wieder zu Wettskandalen und Spielmanipulationen. Superreiche Club-Präsidenten haben den Sport für ihre persönliche Eitelkeit genutzt, ihre Steuerbilanz über Clubs geschönt, Menschenhandel mit südamerikanischen und afrikanischen Talenten betrieben und dabei die gesellschaftliche Substanz des Fußballs aufgezehrt. Kein Mensch erinnert sich mehr daran, dass auch der später als Fußballgott angebetete und jetzt in hohem Sportleralter verheizte Andrea Pirlo zu Beginn seiner Karriere schnöde nach Kalabrien ausgelagert wurde.

          Heute haben in vielen halbleeren Stadien nurmehr die Ultras, die gewalttätigen Hooligans des Südens, das Sagen. Und die größten Talente gehen lieber gleich ins Ausland. So der beste Stürmer Ciro Immobile, der auch gegen Uruguay sichtlich nicht ins System passte und im Sommer nicht in Mailand, sondern in Dortmund anheuert. Italien ist dabei, fußballerische Provinz zu werden. Und der Calcio wird mehr und mehr zum Spiegelbild der Gesamtmisere.

          Die lustvollsten Loser unter den einstigen Siegern

          Ich habe mir die masochistische Freude gemacht, das Ausscheiden gegen Uruguay im italienischen Staatsradio Rai zu den Fernsehbildern zuzuschalten. Diese geniale Übertragung verriet zugleich viel über den Zynismus und die Hoffnungslosigkeit, mit der viele junge Italiener ihre Lage durchschauen. Gleich vier Kommentatoren plauderten fröhlich durcheinander über die verheerende Partie, machten sich über patriotische Fußballtweets von Politikern lustig oder riefen zwischendurch bei Altschiedsrichtern an, um sie zu veräppeln.

          Eine Frau machte das Dummerchen, das die Abseitsregel nicht versteht, und begrüßte jede Auswechslung und jeden Eckball mit einem improvisierten Gitarrenliedchen. Zwischendurch blendete man Platituden aus Reden des Regierungschefs Renzi ein: „Wir haben verloren, aber die anderen haben auch verloren.“ An den eigenen Stars ließen die Kommentatoren ohnehin kein gutes Haar: „Cassano hat doch kaum die Kraft, sich das Leibchen überzustreifen.“ Oder: „Schießen wir besser ein Eigentor, dann hat die Qual ein Ende.“

          Diese defätistisch-bekiffte Sendung hätte in Deutschland, wo man den Fußball noch ernst nimmt, den sofortigen Rücktritt des Intendanten zur Folge oder würde alle Grimme-Preise gleichzeitig einheimsen. Jedenfalls ist klar, was die WM nach Spanien und England nun mit Italien verloren hat: die lustvollsten Loser unter den einstigen Gewinnern.

          Weitere Themen

          Von Schwänen und Apothekerinnen

          Marthalers „Das Weinen“ : Von Schwänen und Apothekerinnen

          Metamorphose mit Nebenwirkungen: Mit seinem Theaterabend „Das Weinen (Das Wähnen)“ verbeugt sich Christoph Marthaler vor den Texten Dieter Roths. Die Inszenierung feiert das Glück, das aus der Abwesenheit von Leid entsteht.

          Topmeldungen

          Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei einer Veranstaltung im August 2020 in Ahlen

          Allensbach-Umfrage : Die SPD kann nicht von Scholz profitieren

          Nur eine Minderheit glaubt, dass der Kanzlerkandidat der SPD die Unterstützung seiner Partei hat. Und das ist noch nicht das größte Problem der Sozialdemokraten, wie eine neue Umfrage zeigt.

          Spenden nach Ginsburgs Tod : Die Angst, die großzügig macht

          Kaum war Ruth Bader Ginsburg tot, flossen demokratischen Wahlkämpfern Spenden in Millionenhöhe zu – mehr denn je. Fällt Trumps Supreme-Court-Plan den Republikanern auf die Füße?

          Corona-Pandemie : Trump vor UN: China zur Rechenschaft ziehen

          Amerikas Präsident wirft Peking zum Auftakt der UN-Generaldebatte vor, die Welt über das Coronavirus getäuscht zu haben. Chinas Staatschef weist das zurück und verlangt Mäßigung, während Putin den russischen Impfstoff bewirbt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.