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WM-Kolumne „Einserkette“ : Fußball - ein Strategiespiel

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Eine neue Ära der „kontrollierten Offensive“: So bezwang Costa Rica den Weltmeister von 2006 und steht nun im Achtelfinale Bild: AP

Strategie ist die Kunst, so zu schießen, dass der Gegner meint, man hätte noch Patronen. Diese Alltagsweisheit bestimmt auch die Fußball-Weltmeisterschaft.

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          Strategie ist die Kunst, so zu schießen, dass der Gegner meint, man hätte noch Patronen. Diese Alltagsweisheit bestimmt auch die Fußball-Weltmeisterschaft. Der Erfolg einer Mannschaft hängt eben vor allem von der Taktik ab. Wer beispielsweise heute noch eine hoffnungslos veraltete Aufstellung mit Stopper, Außenverteidiger und Libero auflaufen ließe, der wäre im Feuerwerk der Varianten des variablen 4-2-3-1, des nagelneuen 5-3-2 oder gar des südamerikanisch giftigen 4-3-3 hoffnungslos im Hintertreffen. Oder doch nicht?

          Wir erinnern uns, dass der deutsche Haudegen Otto Rehhagel 2004, also gerade einmal vor zehn Jahren, mit der Urgroßvater-Taktik eines Liberos und eines Vorstoppers Europameister wurde, weil seinen griechischen Kolossalriegel niemand knacken konnte. „Modern ist, wer gewinnt“, meißelte Rehhagel, der deutsche Konservative par excellence, damals sein Verständnis von Strategie in Worte. Adenauer und Kohl hätten es nicht besser sagen können.

          Der Erfolg des Kritisierten

          Aber so einfach ist es dann doch nicht. Alle Taktikfüchse aller Fußballakademien rund um den Globus sichten, deuten, analysieren derzeit rund um die Uhr die Spiele dieses Turniers bis auf den letzten Quadratzentimeter Rasenfläche, unterstützt von Computern, die Laufwege berechnen, und Datenbänken, die noch jede Zehennagelentzündung jedes afrikanischen Spielers verzeichnen. Und was finden die Großhirne des Fußballs heraus? Die herkömmliche Taktik ist tot, aber die neue ist noch nicht geboren. Bei den alten Griechen hieß solch ein Zwischenzustand „Krise“; um sie zu bewältigen, wird derzeit in Brasilien fleißig weitergespielt. Der deutsche Fernsehkommentator Matthias Opdenhövel brachte die Verwirrung auf den Punkt: „Schicken wir Tiki-Taka nach Taka-Tuka?“ Die Kicker antworten einstweilen mit ramba-zambahafter Verschiebung der Taktik-Tektonik.

          Der Erste, der mit den Gewissheiten von gestern aufräumte, war der holländische Fußballweise Louis van Gaal. Um das seit sechs Jahren dominante spanische Kurzpassspiel im Mittelfeld aufzubrechen, stellte er fünf mittelmäßig begabte Landsleute in die Defensive, überbrückte das Mittelfeld mit langen Pässen und ließ zwei Halbstürmer gegen eine Mehrheit von Verteidigern überfallartig Torchancen kreieren. Der Erfolg mit drei Siegen in drei Spielen gibt dem vorher arg kritisierten Guru aus Amsterdam wieder einmal recht. Und halb Holland schreit Hosianna.

          Schildkröten und Hasenfüße

          Gleichzeitig nimmt bei diesem Turnier eine südamerikanische Variante von Rehhagels „kontrollierter Offensive“ Gestalt an: eine laufintensive Rudelbildung, die den Gegner einschnürt, sich aber nadelspitz in vertikale Angriffe verwandelt, sobald der Widersacher die geringste Schwäche zeigt. Italien ging so gegen ein wohlorganisiertes Costa Rica in die Knie; Uruguay schickte England nach Hause; und Mexiko warf zuletzt ebenso Kroatien aus dem Turnier. Es wirkt, als hätten die Lateinamerikaner bei der jahrelangen Selbstbespiegelung der Europäer in Champions und Europa League genug Muße gehabt, sich effektive Gegenmaßnahmen auszudenken. Nur die verblüffende belgische Ermüdungstaktik - 88 Minuten den Gegner einschläfern und in der Nachspielzeit dann der Gnadenstoß - weiß sich einstweilen zu behaupten.

          In der Strategie muss jede Mannschaft heute flexibel sein. Vorbild sind die römischen Legionäre bei Asterix, die von der stabilen Schildkrötentaktik (alle schützen sich durch die Schilde) spontan zur Hasenfußtaktik (Waffen fallenlassen und schnell wegrennen) übergehen. Wie man die Übergänge zwischen wehrhafter Offensive und heilloser Defensive einigermaßen schadlos gestaltet, darüber rauchen Trainerköpfe seit Jahrzehnten.

          Selbst die halb eingenickte Oma im Ohrensessel hat inzwischen begriffen, dass es bei der Fußballtaktik vor allem um eines geht: elegant die Spieler zu verschieben, um Überzahl in Ballnähe zu erzeugen. Im wundervollen Debütfilm des Oscar-Preisträgers Paolo Sorrentino, „L’uomo in più“ (Der Mann mehr), aus dem Jahr 2001 geht es genau um dies: Wie kann ich meine elf Mann so organisieren, dass sie wie zwölf wirken? Die Quadratur des Kreises ist nichts dagegen. Im Film erschießt sich darum auch der verzweifelte Trainer irgendwann im Anstoßkreis des eigenen Stadions.

          Jogi Löw soll dieses Schicksal erspart bleiben. Aber die taktische Revolution des WM-Turniers der Überraschungen droht auch ihn zu überrollen. Jahrelang tüftelte er wie ein Uhrmacher im Schwarzwald an einer Strategie, um das spanische Tiki-Taka zu schlagen. Nun hat er offenbar die Antwort gefunden, aber die Spanier sind nicht mehr dabei. Und neue Taktikfragen türmen sich auf: Welche Patronen helfen uns gegen Gegner, von deren Strategie wir gar nichts ahnen?

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