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WM-Gefühl : Wir sind nicht wie sie

Ansteckende Leichtigkeit des Triumphgefühls: Thomas Müller, Lukas Podolski und Per Mertesacker bei der Siegesfeier am Brandenburger Tor Bild: REUTERS

Angeblich sind wir alle Weltmeister. Angeblich ist das Land so lässig geworden wie das Spiel. Kann es aber sein, dass das alles großer Quatsch ist?

          7 Min.

          Die Frage, wer genau, seit dem späten Sonntagabend vor einer Woche, der Weltmeister sei, ist leicht gestellt und umso schwerer zu beantworten – schon deshalb, weil alles, was man dazu sieht, hört, liest und sich selber denkt, so widersprüchlich ist. Und zugleich scheinbar völlig stimmig: Sind es die 23 jungen Männer aus dem deutschen Spielerkader sowie deren Trainer und Betreuer, jene Menschen also, die eine halbe Stunde nach dem Schlusspfiff eine Medaille auf die Brust bekamen, eine Umarmung von der Kanzlerin und die den hässlichen Pokal dann glücklich und erregt über die Schultern stemmten? Ist es, wie das die Protokolle der Fifa verzeichnen, einfach Deutschland, die Nation, die ein Abstraktum bliebe, wenn sie sich nicht Repräsentanten suchte, welche ihre Existenz bezeugen und ihre Interessen vertreten könnten, eine Bundeskanzlerin, eine Bundeswehr? Und, quasi auf der gleichen Ebene, die amtliche Fußballnationalmannschaft (die, anders als la Squadra Azzurra, les Bleus, o Seleção, keinen lässig-modischen Spitznamen braucht)? Oder hat der Bundestrainer recht, der, als er in Berlin an der sogenannten Fanmeile stand, dem jubelnden Volk verkündete: „Wir sind alle Weltmeister“?

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Genau dieser Ansicht schienen auch all jene Deutschen zu sein, die sich zum Endspiel im Freien vor riesigen Leinwänden versammelten, verbrüderten, betranken. „Wir sind Weltmeister!“, brüllten sie in die Fernsehkameras und Radiomikrofone – und dass mich das Wörtchen „wir“ dabei fast so misstrauisch stimmte wie damals, als ausgerechnet die gottlose „Bild“-Zeitung ihren religiös weitgehend indifferenten Lesern in die Gesichter log, dass „wir“ jetzt „Papst“ seien, das lag bestimmt nicht daran, dass ich etwas gegen die Fans, deren Versammlungen, Verbrüderungen und Besäufnisse hätte.

          Schwereloses Glücksgefühl

          Es waren ja die Sympathie für die Mannschaft und die Bewunderung für einige ihrer Spieler, meine grenzenlose Begeisterung angesichts von Müllers Eigensinn, Boatengs Coolness und Schweinsteigers Charakterstärke, was mich zu Hause bleiben ließ. Diese Mannschaft durfte von mir erwarten, dass ich mit voller Konzentration vor dem Fernseher saß, im Geiste jeden Spielzug mitbedachte und gelegentlich kleine Anfeuerungen in Richtung Bildschirm brüllte. Als der Schiedsrichter das Endspiel abgepfiffen hatte, hüpfte ich durchs Zimmer und sah dabei sicher so spastisch wie Thomas Müller aus. Und dass durch die offenen Balkontüren der Krach explodierender Böller kam, der Lärm hupender Autos, Glücksschreie aus Nachbarwohnungen weit über der zugelassenen Zimmerlautstärke, das war diesem Augenblick nur angemessen.

          Denn darum geht es ja in solchen Momenten: dass die Glücksgefühle so stark und intensiv sind, dass man dagegen die Unterschiede zwischen denen, die diese Gefühle empfinden, als winzig und irrelevant wahrnimmt. Es gibt tatsächlich dieses „Wir“, das schreit und feiert und sich freut. Und es geht darum, dass die Hingabe an dieses Glücksgefühl, ja die Unterwerfung zugleich eine Befreiung ist, weil die Wucht der Emotion anscheinend all die Zäune niederreißt, welche die eigene Existenz beengen und den einen vom anderen trennen.

          Herkunft, Status, diese Dinge spielen für diesen Moment keine Rolle mehr – und dass solche Momente in den Zuständigkeitsbereich des Feuilletons gehören: Das liegt schon daran, dass es die Momente sonst vor allem in den Künsten gibt, den populären wie den hohen; und dass da, für die Dauer eines Songs, einer Szene, eines ästhetischen Schocks auch die Unterscheidung zwischen dem Performer, der Performance und dem Publikum hinfällig wird. Die Aussage „Wir sind Weltmeister“ ist insofern so richtig wie der Satz „Ich bin schwerelos“, solange der Film „Gravity“ dauert. Und dass wir im vergangenen Winter „Happy“, den Song und das 24-Stunden-Video, nicht bloß sahen oder hörten, sondern dass wir tatsächlich „Happy“ waren, das hat neulich Diedrich Diederichsen in seinem Buch „Über Pop-Musik“ sehr anschaulich gemacht (wenn auch anhand anderer Songs).

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