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WM-Gefühl : Wir sind nicht wie sie

Trügerische Identifikation

Im Endspiel traten die langhaarigen Individualisten um Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Paul Breitner gegen die langhaarigen Individualisten um Johan Cruyff an, sie waren im Schnitt acht bis zehn Jahre jünger als jene Studenten, die ein paar Jahre zuvor gegen Obrigkeit und Establishment rebelliert hatten, sie wollten keine andere Gesellschaft, sie hatten nur das Fußballspiel revolutioniert, und ihr Habitus, auf dem Spielfeld und jenseits davon, signalisierte, dass sie sich das Recht auf ein eigensinnigeres Leben, eine freiere Sexualität, eine lässigere Form des Umgangs miteinander genauso selbstbewusst nehmen würden wie den Ball, den Paul Breitner, obwohl er nicht als Schütze vorgesehen war, vom Elfmeterpunkt ins Tor den Niederländer ballerte.

Diese jungen Männer waren, obwohl einige Jahre vor dem Höhepunkt des sogenannten Babybooms geboren, tatsächlich Repräsentanten ihrer Generation – und diese Generation war demographisch in der Mehrheit, weshalb ihr die Macht, die sich die Spieler schon mal genommen hatten, demnächst ohnehin zufallen würde. Dass der Trainer Helmut Schön, Jahrgang 1915, vor allem dafür gelobt wurde, dass er die Spieler nicht weiter behelligte, passt genauso ins Bild wie der Umstand, dass Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß dann den Laden übernahmen. Die Jugend an der Macht, das war die Botschaft der Weltmeisterschaft im Jahr 1974.

Die Jugend im Jahr 2014 ist aber, wegen des Geburtenrückgangs, nur eine Minderheit – und wenn man das „Wir“, welches angeblich jetzt Weltmeister ist, auf demographischen Durchschnitt bringt, dann ist es 43 Jahre alt, fühlt sich vielleicht zehn Jahre jünger, ist damit aber immer noch elf Jahre älter als jener Mario Götze, der in Rio de Janeiro das Tor geschossen hat. Wer also heute einigermaßen erwachsen ist und trotzdem glaubt, sich selbst im Spiel der deutschen Mannschaft zu erkennen, wer im Befreiungspass von Bastian Schweinsteiger die eigene Freiheit und geistige Beweglichkeit zu entdecken glaubt, der gibt sich einer Täuschung hin. Wenn es das allseits beschworene „Wir“ überhaupt gibt, dann unterscheidet es sich gewaltig von der deutschen Mannschaft. Wir sind nicht wie sie, wir können uns nicht identifizieren. Wir können sie nur bewundern und verehren.

Denn Götze und Kroos sind ja noch nicht einmal die Repräsentanten ihrer Alterskohorte, jener Jugend, welche die Demographie gegen sich hat. Der Jahrgang 1992 ist gerade halb so stark wie der Jahrgang 1962 – und bis die Jungen etwas zu melden haben, wird es noch sehr lange dauern. Man muss sich nur Bastian Schweinsteiger anschauen, 29 Jahre alt, diesen jungen Mann, der so erwachsen Fußball spielt. Und der in den zehn Jahren, seit er Profi ist, alles Kindliche verloren hat. Er hat jetzt scharfe, fast harte Züge im Gesicht, einen Grauton in den Haaren (und vermutlich ein sehr schönes Plus auf dem Konto). Seine Altersgenossen, gerade jene, die sich zur sinnstiftenden, zur kreativen oder meinungsbildenden Klasse zählen möchten, bewerben sich derweil ums dritte Praktikum, ums Promotionsstipendium, versuchen, wenn sie schon einen mies bezahlten Anfängerjob bekommen haben, die deutschen Großstadtmieten auszuhalten. Und keiner hat allzu große Eile, sich dem sogenannten Ernst des Erwachsenenlebens zu stellen.

Das ist die Einzigartigkeit der deutschen Nationalmannschaft – und womöglich ist es auch ihre Einsamkeit. Sie sind nicht wie wir, sie sind schon gar nicht mit uns identisch – was uns, ihre Fans, in den schönsten Momenten der Weltmeisterschaft gefallen und bezaubert hat, war die Differenz, nicht das Gleichheitszeichen.

Ob der 13. Juli 2014 darüber hinaus eine geschichtliche Wegmarke ist, werden wir sehen, wenn uns das Datum historisch geworden ist. Beim nächsten oder übernächsten Titel.

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